Neues Dschungelcamp im RTL


Dschungelcamp moderiert von Sonja Zietlow und Dirk Bach / Bild: RTL

Auf die nun sechste Folge des Dschungelcamps freuten sich selbst mancher gebildete Bürger. Das Versuchslabor lässt wieder teilhaben an Dramen von Ekel und Angst: Würmer müssen gegessen, aus tierischen Organen zubereitete Cocktails heruntergewürgt werden, es wird in Tümpeln aus Schlamm und in Kakerlaken gebadet, Spinnen und Insekten krabbeln auf den Menschen. Die Teilnehmer müssen so viele Holzsternchen wie möglich sammeln, um  Titelträger einer Dschungelkönigin oder eines Dschungelkönigs zu werden. Der Titel dient dazu, die Versorgung im Camp etwas erträglicher werden zu lassen.

Die teilnehmenden Probanden müssen sich einzelnen Dschungelprüfungen aussetzen. Nach jeder Prüfung wird es „menscheln“. Das heißt, zwischen den Probanden - bezeichnet mit „B – bis E – Promis“ – soll es emotional „krachen“, auf jeder Ebene. Es soll hier nicht weiter erörtert werden, ob dabei die Drehbuchautoren der Produktionsgesellschaft ITV, ehemals Granada-TV, ihre Phantasien verwirklichen.

Konstantin von Stechow, der RTL-Sprecher verrät, dass neue Dschungelprüfungen in der sechsten Staffel zu meistern sind, auch sportliche Fähigkeiten. Besonders wichtig sei aber die Auswahl der Campbewohner, ihre Zusammensetzung müsse stimmen. Das habe man aus den vorangegangenen Staffeln erkannt. Es werden wieder viele verschiedene Charaktere aufeinander treffen. Kann diese Gemeinschaft funktionieren? Wer setzt sich am Ende durch? Das ist die spannende Frage, die sich erst vor Ort im Verlauf der Prüfungen beantworten lässt.

Diese Show – perfekt inszeniert – wird von den zum Teil erstaunlichen Wandlungsfähigkeiten der Probanden belebt. So verändert sich beispielsweise ein vermutlicher Verlierer zu einer starken Persönlichkeit oder kann Würde ausstrahlen bei totaler Erniedrigung. Der Zuschauer sieht seine Erwartungen nicht erfüllt und empfindet das Ergebnis als angenehm. Letztendlich ist das der Erfolg der Fernsehshow.

Zur Erinnerung Lorielle London aus der Staffel zwei: Sie sollte damals einen Brei zu sich nehmen, der aus organischen Schlachtabfällen und lebenden Organismen bestand. Damals war Lorielle noch keine Frau und ein überkandideltes Persönchen. Für sie bedeutete es eine große Überwindung, dieses Zeug zu schlucken, ebenso das Zuschauen.

Eigentlich hatte man nun von ihr einen hysterischen Ausraster erwartet. Aber sie zeigte Mut und brachte alle zum Staunen. Gegen den Brechreiz kämpfte Lorielle tapfer an und schluckte schwer, aber sie schaffte es. In diesem Augenblick war sie glaubwürdig und verletzlich, man konnte mitfühlen und die gerade noch vorhandene Verachtung war nicht mehr da. Oder nehmen wir Peer Kusmagk, Schauspieler und Moderator vom vergangenen Jahr. Keiner hätte gedacht, dass er eine glaubwürdige und moralische Persönlichkeit des Camps werden würde. Er wurde schließlich von den Zuschauern zum Dschungelkönig gekrönt.

Das Hauptmotiv des RTL, ein verhaltenspsychologisches Versuchslabor am anderen Ende der Welt in einem künstlich errichteten Dschungel aufzubauen, in dem Tabus keine Rolle mehr spielen, sind die Werbeeinahmen. Es sollen sich Freiwillige dem Mitgefühl, Zorn und der Schadenfreude von Millionen Fernsehzuschauern aussetzen. Für eine Anklage am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte reicht es aber nicht. Auch die Kultur dürfte mal wieder nicht den Bach heruntergehen, auch wenn in der sechsten Staffel die vermeintliche Dummheit und vordergründige Anspruchslosigkeit bzw. die BH-Größen der Frauen im Vordergrund stehen, inszeniert von den beiden Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach im ätzenden Zynismus. Denn längst ist das Dschungelcamp ein beeindruckendes Beispiel für moderne, funktionierende Fernsehunterhaltung. Es werden die Geschehnisse nicht moderiert, sondern kommentiert.

Sonja Zietlow beschreibt ihre Aufgabe folgendermaßen: Wir haben  aus dieser Distanz die Freiheit zur Wahrheit. Als Moderator im klassischen Sinne hat man sie nicht. Was sich die Zuschauer denken, sprechen wir nur netter und auch ehrlich aus und schweigen an bestimmten Stellen. Auf das, was zu sehen ist, reagieren wir, ohne das mit Gewalt zu forcieren, was gesehen werden will.

Die Anzahl der Zuschauer hängt davon ab, wie die Tabubrüche ablaufen: je spektakulärer und anstößiger – desto positiver sind die Quoten der insgesamt 14 Folgen. Kollektiv taumelt ein ganzes Land im Dschungelfieber. Für den angeschlagenen Bundespräsidenten kommt vermutlich die Show zur richtigen Zeit.

Was bewegt die teilnehmenden Probanden, an der Show teilzunehmen?  Einstimmig siedeln sie ihre Teilnahme im Bereich des Selbsterfahrungstrips an. Keiner der Teilnehmer wie Brigitte Nielsen (46), Daniel Lopes („DSDS“-Teilnehmer, 35), der Fußballer Ailton (38) oder die anderen acht Probanden mag zugeben, dass der Grund hauptsächlich in der Antrittsprämie, die 50 000 Euro und mehr betragen soll, liegt. Eine Gemeinsamkeit eint alle Teilnehmer:  Jeder hat einen oder mehrere Brüche in seinem Leben aufzuweisen.

Die erfolgreichste Methode gegen den unerwünschten Hilferuf „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ besteht darin, so zeigt die Erfahrung, Gelassenheit zu zeigen. Denn leicht zum Stolperstein werde dabei das eigene Ego, warnt Sonja Zietlow. Rollen sollten die Campbewohner nicht spielen. Es könne nur der im Dschungel gewinnen, der er selbst bleibt.

So ist es eine bösartige Show – das Dschungelcamp – aber im guten Sinne. Deshalb, weil sie es schafft, einmal unsere niedersten Instinkte herauszufordern und auch unsere Intelligenz beansprucht, die Menschenverachtung und Menschenwürde zu erkennen. Außerdem nimmt sich das Dschungelcamp nicht über alle Maßen ernst – das ist doch schon mal ziemlich wohltuend.

Quelle: abendblatt.de


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 22.01.2012 - 10:47 Uhr
Kategorie: Medikamententester News

 

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