Magensäureblocker sind nicht ungefährlich


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Das Arzneimittel Omeprazol kam 1988 in Deutschland auf den Markt und war eine große Hilfe für viele magenkranke Menschen. Denn wer an einem „Ulkus“ – einem Magengeschwür – litt, war zuvor verdammt, viele Wochen Schonkost einzuhalten: keinen Kaffee und Alkohol zu sich zu nehmen. Auch Operationen am Verdauungsorgan waren keine Seltenheit.

Magengeschwüre heilten mit dem neuen Arzneimittel schnell ab. Die Säureausschüttung der Magenzellen wurde von dem Wirkstoff beinahe vollständig blockiert. Das dazumal entdeckte Ulkusbakterium Helicobacter pylori liess sich mit diversen Antibiotika zusammen wunderbar bekämpfen. Von den Magenchirurgen wurde ein großer Teil ihrer Patienten an die Internisten verwiesen. Der Säureblocker half auch bei oft jahrelangem, schmerzhaften Sodbrennen. Es verschwand häufig gänzlich, als wäre nichts gewesen.

Weltweit scheint nun aber das Zaubermedikament zum Fluch für viele Menschen zu werden. Das Problem liegt darin, dass in Deutschland die Mittel, die sogenannten Protonenpumpenhemmer, von denen es in Deutschland 5 verschiedene gibt, viel zu oft verordnet werden. Wer sie wochenlang eingenommen hat, kommt davon schwer wieder los.

Die Nebenwirkungen sind bei einer langfristigen Einnahme gefährlich: Osteoporose mit Knochenbrüchen, Mangel an Magnesium, welcher zu Krämpfen und Herzrhythmusstörungen führen kann.

Die Barmer Krankenkasse hat in einer aktuellen Analyse für den „Spiegel“ herausgefunden, dass allein in Deutschland im Jahre 2015 für etwa 13,4 Millionen Patienten Protonenpumpenhemmer verschrieben worden sind – das entspricht jedem 6. Einwohner, und darunter sind nicht nur Ältere. So erhielt in einigen Bundesländern etwa jede zehnte Frau im Alter von 20 bis 29 Jahren das Medikament. In Deutschland haben sich in der Zeit von 2006 bis 2015 die verordneten Tagesdosen verdreifacht. Hinzu kommen noch die freiverkäuflichen Protonenpumpenhemmer.

Medizinisch lasse sich diese Rezeptflut nicht mehr vertreten, sagt Christoph Straub, Chef der Barmer Krankenkasse. Es sei weder durch demografische Faktoren noch durch steigende Erkrankungsdaten zu erklären. Das bestätigt auch der Fachapotheker für Klinische Pharmazie und Teamleiter Arzneimittel der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, Johann Fischaleck. Er hat außerdem festgestellt, dass von den in Bayern jährlich verordneten 500 Millionen Tagesdosen an Säureblockern ca. 70 % fälschlich verschrieben werden, da sie für bestimmte Beschwerden gar nicht zugelassen wurden, beispielsweise bei Aufstoßen oder Völlegefühl. Er sagt, dass bei Essen und Trinken einige Menschen jegliches Maß verlieren und dann bei folglich auftretenden Beschwerden nach einem Protonenpumpenhemmer verlangen.

Häufig werden die Mittel auch in Kliniken verabreicht. Aus dem Krankenhaus werde fast kein Patient mehr entlassen, der nicht einen Protonenpumpenhemmer verschrieben bekommen hat, klagt Michael Kochen, emeritierter Allgemeinmediziner und Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Dem Hausarzt werde oft empfohlen, das Medikament dem Patienten weiter zu verschreiben.

Kochen startete mit einer Arbeitsgruppe eine Untersuchung bei über 500 Patienten. Diese ergab: Einen sinnvollen Grund für die weitere Verordnung des Mittel konnte man in 58% der Fälle nicht finden.

Es scheint der Säureblocker-Boom ein weltweites Phänomen zu sein. Eine Verordnungsschwemme beklagen Experten in Ländern wie Indien, Singapur, Jordanien, Südkorea und Peru. Mittlerweile sind Millionen Menschen auf der Erde von den Mitteln regelrecht abhängig geworden, keiner weiß wie viele.

Der sogenannte „Rebound-Effekt“ macht es schwer beim Absetzen der Mittel. Wird wochenlang die Säureausschüttung im Magen unterdrückt und das Mittel wird abgesetzt, produzieren die Magenzellen besonders viel Magensäure, was wieder die Beschwerden auslöst.

Bei gesunden freiwilligen Probanden, sie nahmen einen Protonenpumpenhemmer acht Wochen lang ein, trat nach Absetzen des Mittels vermehrt Sodbrennen auf. Das wird von einer dänischen Studie belegt. Je nach Studie kommen Dauerschlucker nur in 14 bis 64 % aller Fälle von den Arzneimitteln wieder los. Wird aber die Dosis ganz langsam reduziert, fällt es leichter, auf das Mittel zu verzichten. Nicht immer oder nur mit sehr viel Mühe kann es gelingen.

Der Herausgeber der Fachzeitschrift „arznei-telegramm“, Wolfgang Becker-Brüser sagt, dass die Ärzte sehr gut überlegen müssten, ob in jedem Fall ein Protonenpumpenhemmer zum Einsatz kommen muss. Ist die Diagnose wie Ulkus festgestellt, dann ist die Nützlichkeit klar belegt. Aber bei grundloser Verschreibung überwiegen die Risiken.

Die Kassenärztliche Vereinigung in Bayern setzt sich das Ziel, mit sanftem Druck die niedergelassenen Ärzte dazu zu bringen, die Verschreibung von Protonenpumpenhemmern zu reduzieren. Wird von einem das vorgegebene Ziel nicht erreicht, muss er damit rechnen, dass seine Verordnungen überprüft werden.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 23.01.2017 - 20:12 Uhr
Kategorie: Medikamententester News

 

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