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Angst vor neuem Supervirus


Der gefährliche Erreger der Vogelgrippe ist von Forschern derart verändert worden, dass seine Wirkung dem eines ansteckenden Schnupfens gleicht. Jetzt tobt unter den Seuchen-Experten eine Debatte: Soll man die Daten veröffentlichen? Könnten sie etwa als eine Bauanleitung für Biowaffen missbraucht werden?

Hamburg. – Der Thriller „Contagion“ handelt von einer Seuche, die das Ende der Menschheit einleitet. Eine Frau, Beth Emhoff (gespielt von Gwyneth Paltrow) leidet unter trockenem Husten, den sie sich von einer Geschäftsreise aus Asien aufgelesen hat. Das in ihrem Körper eingeschleppte, bisher unbekannte Virus vereint in sich zwei verhängnisvolle Eigenschaften. Ähnlich einem banalen Schnupfen wird es durch Tröpfcheninfektion über die Luft übertragen, aber tötet nach nur kurzer Zeit seinen Wirt.

Zum Filmende wird klar, wie sich das Virus verbreitet hatte: Der Erreger wurde von einer infizierten Fledermaus auf ein Schwein übertragen. Dieses landete – nachdem es geschlachtet wurde – bei einem berühmten asiatischen Koch, der dann der Amerikanerin Beth die Hand gab.

Auch für eine andere Fassung hätte sich der Regisseur Steven Soderbergh entscheiden können: Beispielsweise hätte auch ein infiziertes Meerschweinchen aus dem Labor entweichen können, welches dies Schreckensvirus in sich trägt, von Forschern gezüchtet. Nichts von der vielgelobten Realitätsnähe hätte der Hollywood-Film eingebüßt. Denn genau solch einen Erreger sollen nun Forscher aus Rotterdam geschaffen haben.

Der Virologe Ron Fouchier und sein Team haben herausgefunden, dass es nur fünf Mutationen braucht, den Vogelgrippevirus H5N1 in solch einen Erreger umzuwandeln, der einfach per Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragbar wäre. Fouchier präsentierte seine Resultate erstmals auf einem internationalen Kongress über Influenza in Malta und nennt sie „in der Tat schlechte Nachrichten.“

Exakt diesen Erreger haben damit die Wissenschaftler am Erasmus Medical Centre in Rotterdam geschaffen. Schon immer wurde von Seuchenexperten  vor ihm gewarnt. 2003 waren an der Vogelgrippe 570 Menschen erkrankt, mehr als die Hälfte von ihnen ist daran gestorben. Zum Glück war unter Menschen der Erreger kaum ansteckend, sondern wurde meist direkt von Tieren auf den Menschen übertragen. Das ist der Unterschied zu anderen Viren. So verbreitete sich das Schweinegrippevirus H1N1rasend schnell von Mensch zu Mensch. Die Symptome waren aber meist nur mild.

Die Experten befürchten aber, dass durch ein Virus, das über die Eigenschaften beider Erreger verfügt, eine Pandemie ausgelöst werden könnte. Viele Millionen Tote wären die Folge. Jetzt scheint genau dieser Erreger vorzuliegen.

Fouchier und sein Team gingen bei ihren Experimenten in zwei Schritten vor: Zunächst wurden von den Forschern drei Mutationen in das Erbgut H5N1-Virus gezielt eingeführt. Um die Ansteckungsfähigkeit zu erhöhen, genügte das jedoch noch nicht, sondern Mutter Natur erledigte den Rest.

Frettchen werden seit Jahren in Labors als Versuchsobjekte für die menschliche Grippe benutzt. Von den Forschern wurden sie nun mit dem abgewandelten Virus infiziert. Die Viren wurden aus den Nasenschleimhäuten der infizierten Tiere  auf ein weiteres Frettchen übertragen. Der Erreger war nach zehn Passagen weitere zwei Mal mutiert, dazu hochgefährlich: So steckten sich drei von vier Frettchen an, obwohl sie keine direkte Berührung mit den infizierten Tieren des Nachbarkäfigs hatten. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ titelte das Ergebnis mit „Ein Virus lernt fliegen“. Von der „Bild“ – Zeitung kam der Begriff „Neue Biowaffe“.

Das Magazin „New Scienctist“ schreibt in einem Bericht, dass die Laborergebnisse als Manuskript bereits dem Fachblatt „Science“ vorliegen. Mit der Veröffentlichung aber wird gezögert. So befürchtet das Gremium für Biosicherheit in Amerika (NSABB), dass mit der Veröffentlichung eine Bauanleitung für eine Biowaffe geschaffen werden könnte. Von der Fachwelt wird das Votum der NSABB – darf die Studie veröffentlicht werden? – mit Spannung verfolgt. Es handele sich allerdings nur um eine Empfehlung, „Science“ ist nicht daran gebunden. In Schweigen hüllen sich Fouchier und sein Team.

Wie soll nun mit den brisanten Daten umgegangen werden? Ein führender Experte für Tierseuchen in Deutschland, Thomas Mettenleiter (Friedrich-Loeffler-Institut) äußerte in einem Gespräch gegenüber SPIEGEL ONLINE, die Daten zu veröffentlichen. Die Frage, welche und wie viele Mutationen aus H5N1 ein leicht übertragbares Virus von Mensch zu Mensch machen, könne man nicht nur mit dem grundlegenden Verständnis des Erregers beantworten. Weiter sagt Mettenleiter, dass die Aufklärung essentiell für eine begründete Risikoanalyse sei. Besser vorhersagen ließe sich nur auf diese Art, welches Virus zukünftige Bedeutung haben könne. Aus diesen Informationen könnte man dann Impfstoffe zur Abwehr entwickeln.

Wichtig sei die Erkenntnis über die zu erwartenden kommenden Mutationen besonders für die Länder, bei denen H5N1-Infektionen bei Geflügel und Mensch auftreten, wie in Kambodscha, Ägypten oder Indonesien, sagt Mettenleiter. Hier sei es möglich, das Virus gezielt zu beobachten und eventuelle Veränderungen feststellen, denn die Influenzavieren  seien äußerst wandlungsfähig. In Regionen mit aktiven Infekten könnten sich die entscheidenden Mutationen entwickeln.

Der Virologe Rolf Kaiser vom Uni-Klinikum Köln schätzt die Ergebnisse ebenfalls als sehr wertvoll ein und plädiert für deren Veröffentlichung.  Allerdings sollte der genetische Bauplan dieses Virus unbedingt geheim gehalten werden, sonst „wäre es wie eine Anleitung für die Atombombe“, sagte er im Deutschlandfunk.

Gelassener gibt sich der größte Teil der Bioterrorismusforscher. Viele Gründe sprechen gegen eine Verwendung des entdeckten Virus als Biowaffe. Selten sind diese bisher zum Einsatz gekommen. Erstens ist ihre Beschaffung schwieriger als die konventionellen Sprengstoffe. Zweitens sind umfangreiches Wissen und spezielle Labore für die Entwicklung dieser Erreger vonnöten. Es ist zu aufwendig, die Erreger am Leben zu halten und am Zielort  effizient einzusetzen.

Im Deutschlandfunk sagte Gunnar Jeremias, er ist an der Forschungsstelle für biologische Waffen und Rüstungskontrolle der Universität Hamburg beschäftigt, dass unbedingt die brisanten Erkenntnisse um das mutierte H5N1 bekannt gemacht werden sollten. Von der Wissenschaft könnte nur mit diesem Wissen ein Gegenmittel entwickelt werden.

Noch ungeklärt ist die Frage, wie die Wissenschaftler mit den erhaltenen Daten über das mutierte H5N1 umgehen sollen. Im Jahre 2005 gab es bereits solch eine Debatte, als amerikanische Forscher im Labor den Erreger der Spanischen Grippe zum Leben erweckten. Dieser hatte 1918 20 bis 50 Millionen Sterbefälle ausgelöst – eine Pandemie. Anhand der heutigen molekularbiologischen Methoden wäre relativ einfach, den modifizierten H5N1-Virus von Fouchier anhand seiner Erbgutsequenz ins Leben zu rufen. Je mehr Wissenschaftler sich an der Erarbeitung beteiligen, umso größer wäre das Risiko, dass aus dem Labor versehentlich der Erreger entweicht.

Auch ist noch nicht bewiesen, ob Fouchiers gezüchtete Viren mit Influenza-Impfstoffen  besiegt werden könnten. Es ist bisher nicht bekannt, ob Experimente auch dieser Art von den Wissenschaftlern aus den Niederlanden an Frettchen ausprobiert worden sind. Ein Virologe, der sich ernsthaft für die Entwicklung von wirksamen Mitteln gegen drohende Epidemien einsetzt, sollte sich für diesen, eigentlich logischen Versuch einsetzen.

Doch das Labor schweigt bisher auch dazu. Die Forscher erklären auf der Website ihres Instituts lediglich, dass keine Gefahr für Mensch und Umwelt bestehen würde. Durchgeführt worden seien die Studien in einem speziellen, extrem abgesicherten Labor. Von internationalen Experten werde die Sicherheit überwacht. Demzufolge ist die Forschungsarbeit der amerikanischen US National Institutes of Health  mit angeordnet worden.


Von: Stefan Lübker
Veröffentlicht am: 11.12.2011 - 10:22 Uhr
Kategorie: Medikamententester News