Ihr Medikamenten Informationsportal
Wissenswertes für Probanden
Kontaktadressen-Liste für Kliniken

Anwendungsrisiken bei Arzneimitteln


© Kaspars Grinvalds - Fotolia.com

So viele Medikamente wie heute sind in der Menschheitsgeschichte noch nie eingesetzt worden. Jedoch kann eine falsche Medikation auch ins Krankenhaus führen.

Die Dosierung eines Stoffes bestimmt, ob er heilsam oder giftig ist. Das hat bereits der Arzt und Philosoph Paracelsus vor 500 Jahren erkannt. Diese Erkenntnis ist dennoch aktueller denn je. Um Erkrankungen zu heilen, zu lindern oder ganz auszumerzen wurden noch nie in der Menschheitsgeschichte so viele Substanzen eingesetzt wie heute. 16 000 rezeptpflichtige Arzneimittel mit 2400 verschiedenartigen Wirkstoffen sind allein in der Bundesrepublik zugelassen. Regelmäßig mindestens ein Medikament wird von 75 Prozent aller Deutschen zwischen 18 und 79 Jahren angewendet.

Dementsprechend haben sich auch die einhergehenden Nebenwirkungen und  Risiken entwickelt. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) vermeldet, dass hierzulande etwa fünf Prozent der Krankenhauseinweisungen unerwünschte Arzneimittelwirkungen als Ursache haben. Daran stirbt knapp die Hälfte der Betroffenen. Das Zentralkrankenhaus im norwegischen Akershus führte dazu eine Langzeitstudie aus. Danach waren sogar 18 Prozent aller Todesfälle in dieser Klinik der Einnahme eines oder mehrerer Medikamente geschuldet.

Beim zweiten Internationalen Tag der Patientensicherheit, der kürzlich stattfand, hat das APS als Schwerpunktthema die Medikationssicherheit bestimmt. Daran nahmen bundesweit fast 200 Kliniken, Patienten- und Selbsthilfegruppen und Apotheken teil, ebenso das Uniklinikum Frankfurt.

Die Bundesvorsitzende des Aktionsbündnisses, Frau Hedwig Francois-Kettner, betont, dass es den Veranstaltern dabei nicht um eine Suche nach Schuldigen gehe, sondern um Ursachen und deren Lösungen. Besonders die Ausbildung des medizinischen Personals könnte nach den Worten der Vorsitzenden eine wichtige Fehlerquelle sein.

Das APS hat eine Lehrplananalyse durchgeführt und dabei festgestellt, dass das Thema Patientensicherheit lediglich bei zwei von 13 staatlich anerkannten Gesundheitsfachberufen auch ausreichend Raum einnimmt und zwar bei den Anästhesietechnischen und Operationstechnischen  Assistenten. Selbst bei studierten Medizinern hat man Unkenntnis festgestellt. Am Klinikum Fürth konnte eine Untersuchung zeigen, dass die Notärzte bei der Klinikaufnahme fast 60 Prozent der unerwünschten Arzneimittelwirkungen nicht als solche erkannten. Daher lautet eine zentrale Forderung des APS: In den Ausbildungs- und Studiengängen wie auch in der Fortbildung müssen Patientensicherheit und Medikation eine größere Rolle spielen.

Dabei gibt es allerdings noch ein zweites Problem: Die Kooperation zwischen Pharmazeuten, Medizinern und Pflegekräften funktioniert oftmals nicht. Wichtige Informationen über bisherige Medikationen und Unverträglichkeiten gehen beim Wechsel zwischen Wohnung, Krankenhaus und Pflegeheim verloren. Nach den Worten des Berliner Onkologen Wolf – Dieter Ludwig liegt Deutschland, was die Zusammenarbeit von Klinikapothekern und Krankenhausärzten angeht, international auf einem der letzten Plätze. Dazu kommen noch Kommunikationsstörungen hierarchiebedingter Art: Hat eine Krankenschwester einen Verdacht über unerwünschte Arzneimittelwirkungen, so traut sie sich nicht, dies dem Arzt mitzuteilen oder der Arzt nimmt dies nicht ernst.

Weitere Fehlerquellen können Verwechslungen bei ähnlich verpackten Arzneimitteln sein sowie falsche Dosierungen. Beispielsweise ist das Krebsmittel Methotrexat mit schwersten Nebenwirkungen behaftet. Wegen seiner entzündungshemmenden Wirkung kann es auch in der Rheumatherapie verwendet werden. Dann reicht eine Pille pro Woche. Versehentlich täglich eingenommen hat das Mittel jedoch verheerende Nebenwirkungen.

Mit dem Alter der Patienten und Pflegebedürftigen nehmen solche Risiken allerdings stark zu. In Deutschland nimmt etwa die Hälfte der 70- bis 79- Jährigen regelmäßig fünf oder mehr Medikamente ein. Von den 760 000 bundesweit in Pflegeheimen untergebrachten Menschen leiden zwei Drittel unter Demenz. Da liegt es auf der Hand, dass angesichts dieser Situationen unerwünschte Wechselwirkungen von Arzneimitteln und Fehlerrisiken stark zunehmen. Die Wuppertaler Pharmakologin Petra Thürmann führte mit ihrem Wissenschaftlerteam in Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen eine Langzeituntersuchung durch, an der in 18 Altenheimen mehr als 1000 Bewohner teilnahmen. Dabei konnten vermeidbare unerwünschte Arzneimittelwirkungen bei mehr als 12 Prozent der Patienten festgestellt werden.

Das genügte den Medizinern aber nicht. Sie entwickelten einen sogenannten „Werkzeugkasten“, der unter anderem Kommunikationstrainings für Ärzte, Pharmazeuten und Pfleger sowie bestimmte Fachschulungen für Pflegekräfte vorsieht. Nach Umsetzung der Maßnahmen geschah etwas sehr Ermutigendes: Die 12-Prozent-Quote sank nach sechs Monaten auf 6,9 Prozent, nach zwölf Monaten auf 5,5 Prozent. Auch die Uniklinik Hamburg-Eppendorf erzielte ähnliche Erfolge. Sie hatte Empfehlungen der APS-Arbeitsgruppe Arzneimittelsicherheit unter der Leitung des Bonner Pharmazeuten Ulrich Jaehde umgesetzt. Hauptsächlich ging es dabei um die Einrichtung einer Arzneimitteldatenbank inklusive elektronischer Verordnungen. Eine weitere nicht zu unterschätzende Fehlerquelle: Die unleserliche Klaue vieler Ärzte beim handschriftlichen Ausfüllen der Rezepte.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 24.10.2016 - 19:01 Uhr
Kategorie: Medikamententester News