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Brustkrebs – alte Behandlungsmethode auf dem Prüfstand


Seit Jahren werden bei vielen an Brustkrebs erkrankten Patientinnen unter der Achsel die Lymphknoten entfernt. Dieser Eingriff ist seit langem Bestandteil der Behandlung, wird aber jetzt von Medizinern unter die Lupe genommen, ob ein derartiger Eingriff überhaupt einen Sinn ergibt. Von den Betroffenen klagen viele über Schmerzen, Taubheitsgefühl und Infektionen.

In einem Forum für Krebspatienten beschreibt „Juliane“, wie viel Anstrengung es sie jedes Mal kostet, Alltagsbewegungen wie beispielsweise Haare föhnen oder telefonieren, zu bewältigen. Wie Strom schießt es in ihre Finger, wenn sie ihren linken Arm anhebt. Es sticht sie wie tausend Nadeln, wenn sie versucht, mit ihren Fingern etwas zu ergreifen.

Nachdem bei der an Brustkrebs erkrankten „Juliane“ im Jahre 2007 von den Ärzten 13 Lymphknoten unter ihrer Achsel entfernt wurden, stellten sich die Nervenschmerzen ein. Einige Wochen später trat bei ihr ein Lymphödem auf, welches Finger und Hände stark anschwellen ließ. Kurzfristige Besserung brachte eine Lymphdrainage und sie musste einige Zeit lang ein über den Arm gezogenen Strumpf tragen. Ganz plötzlich traten dann aber Nervenschmerzen auf. Nachdem ihre Allgemeinärztin sowie ihr Onkologe nicht helfen konnten, wurde sie zu einem Handchirurgen überwiesen. Dieser operierte sie am Karpaltunnel, einem Nervendurchgang zur Hand. Doch die Operation brachte keine Linderung der Beschwerden und die Symptome wurden noch schlimmer. Nach Konsultationen weiterer Ärzte, die „Juliane“ alle nicht weiterhelfen konnten, resignierte sie und versuchte zu lernen „mit den Schmerzen zu leben“.

Dieses Schicksal von „Juliane“ ist vielen Brustkrebspatientinnen beschieden. Denn bei der Behandlung von Brustkrebs ist die Entnahme von Lymphknoten unter der Achsel inbegriffen – fast eine Art Goldstandard. Das Prozedere ist in dem offiziellen Katalog „Leitlinie für die Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms“ verankert. Die Ärzte haben sich bei ihrer Behandlung daran zu halten.

An diesem Dogma der Brustkrebsbehandlung rütteln jetzt US-Wissenschaftler. So wurde in der vergangenen Woche eine Studie im „Journal of the American Medical Association“ (Jama) veröffentlicht, die ein klares Forschungsergebnis des John-Wayne-Krebsinstituts in Santa Monica (Kalifornien) unter Leitung von Armando Giuliano und seinem Team vorweisen kann: So ist der von vielen Frauen gefürchtete, schmerzhafte Eingriff häufig unnötig. Er bringt keine Vorteile zum Überleben, ändert nichts am Behandlungsplan. Die Gefahr wird nicht verringert, dass bei den Frauen zu einem späteren Zeitpunkt der Krebs erneut ausbricht.

Auf die Resultate reagieren auch prompt die deutschen Ärzte. So sagt der Chefarzt Anton Scharl (Brustzentrum des Klinikums St. Marien in Amberg): „Auch hierzulande diskutieren wir darüber seit einiger Zeit“. Die Kommission „Mamma“ der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) nennt Scharl als ihren Sprecher. Um die Ergebnisse aktueller Studien zu diskutieren, treffen sich die Mitglieder einmal im Jahr. An Ärzte geben sie gegebenenfalls neue Empfehlungen zu Behandlungen weiter. Die Deutsche Krebsgesellschaft will eine solche AGO-Empfehlung kommende Woche in Frankfurt bekannt geben. Davon ist die Entfernung befallener Lymphknoten einer der Hauptpunkte.

Scharl erklärt, dass Ärzte zukünftig im Einzelfall entscheiden sollen, ob eine Entfernung der Lymphknoten tatsächlich notwendig sei – oder nicht. So wird es auch offiziell in der Empfehlung der AGO zu lesen sein. Gemäß der Leitlinie wird zur Zeit die Entscheidung oft so getroffen: Wenn einer Brustkrebspatientin nicht die ganze Brust abgenommen wird, sondern lediglich der Tumor, so wird auch gleichzeitig der sogenannte Wächterlymphknoten mit entfernt und wird untersucht. Denn es ist der Knoten, der einem bösartigen Tumor am nächsten ist. In der Leitlinie heißt es, dass beim Befall des Wächterlymphknotens eine axilliäre Dissektion mit der Entfernung von mindestens zehn Lymphknoten zu erfolgen hat.

Viele Ärzte spulen dieses Standardprozedere routinemäßig ab. Das wird nun in Frage gestellt. Trotzdem sieht Scharl die aktuellen Studienergebnisse der USA nicht als der Weisheit letzten Schluss und meint, dass man aber in jedem Fall gründlich darüber nachdenken sollte. Der Studie sei methodisch anzulasten, dass die statistisch erforderliche Anzahl der Patientinnen weit unterschritten wurde.

Behandelt wurden von den Ärzten 891 Frauen, bei denen frühzeitig Brustkrebs festgestellt wurde. Sie kamen aus 115 Medizinzentren der USA und hatten ein durchschnittliches Alter von 54 - 56 Jahren. Die Chirurgen entfernten bei ihnen einen bis zu fünf Zentimeter großen Tumor. Der Wächterlymphknoten war bei allen Patientinnen mit Krebszellen behaftet. Es wurden laut Therapieplan die Brust und die Achselhöhle bestrahlt, zusätzlich erfolgte eine Chemotherapie. Scharl meint, dass vermutlich die Bestrahlung dazu beitragen könne, dass nicht nur im Brustgewebe die Krebszellen zugrunde gehen, sondern gleichzeitig in den betroffenen Lymphknoten. „Aber man weiß es nicht ganz sicher.“

Eine Reihe von Studienuntersuchungen diskutiere dennoch den fehlenden Einfluss einer Entfernung von Achselhöhlenlymphknoten. Auch der Erstautor der Studie, Armando Giuliano sagt, dass es bisher keinen Beweis über den Sinn dieses Verfahrens gegeben habe.

Die Ergebnisse haben in den USA unter Medizinern eine kontroverse Debatte ausgelöst. So merkt die Co-Autorin Monica Morrow, Direktorin des Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in Manhattan in der „New York Times“ an: „Unser bisheriges Denken wird von den Ergebnissen radikal verändert“. Bei den amerikanischen Medizinern ist der Glaube an die Entfernung von befallenen Lymphknoten tief verankert. Bis ein Umdenken stattfindet, könnte es eine Zeit dauern. Giuliano äußert, dass es für Chirurgen und anderen medizinischem Personal nur schwer zu akzeptieren sei, befallene Lymphknoten nicht zwingend zu operieren.

Die neuen Ergebnisse folgen gleichwohl dem Trend, bei der Krebsbehandlung radikale chirurgische Eingriffe zu vermeiden. Die Diagnose Brustkrebs bedeutete einst, meist die gesamte Brust zu amputieren, inklusive der Achsellymphknoten und Muskeln. Nun ist es heute möglich, bei der Mehrzahl der Patientinnen eine brusterhaltende Operation durchzuführen. Jetzt versucht man auch, auf die Entfernung der Lymphknoten zu verzichten.

In dem Fachmagazin „Jama“ äußert Grant Carlson (Winship Cancer Institute) seine Befürchtung, dass Behandlungsleitlinien und Routineprozedere mitunter Risiken mit sich bringen und er habe das Gefühl, dass schon viel Schaden angerichtet worden ist.

Aus der US-Studie geht auch hervor, dass bei denjenigen Patientinnen, denen die Achsellymphknoten beseitigt wurden, ein größeres Komplikationsrisiko bestand. Die Beschwerden äußerten sich mit Infektionen, Taubheitsgefühl, Schmerzen, Flüssigkeitsstau, eingeschränkte Beweglichkeit – eine lange Liste mit zum Teil schwerwiegenden Folgen. Bei 20 – 30 % der Fälle entstehen nach einem solchen Eingriff Lymphödeme, die so gut wie unheilbar sind. Für Betroffene gibt es eine Broschüre über 36 Seiten „Krebs und Lymphödem“, herausgegeben vom Verein Frauenselbsthilfe.

Derzeit ist nicht absehbar, wie schnell sich die deutschen Ärzte an die neue Behandlungsempfehlung halten und sich daran gewöhnen. Aber Scharl ist zuversichtlich, denn er und der Sprecher der Deutschen Krebsgesellschaft sind stolz darauf, dass man in Deutschland sehr schnell auf aktuelle Studienergebnisse reagiert. Generell seien gynäkologische Onkologen zurückhaltender als Kollegen aus den USA betreffs radikaler chirurgischer Eingriffe. Er glaubt, dass ein Umdenken in Deutschland den Medizinern nicht schwerfallen werde.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 27.02.2011 - 21:28 Uhr
Kategorie: Medikamententester News