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Der Kick mit Naturdrogen z.B. Zaubersalbei (Salvia divinorum)


Sie gelten als harmlos und sind leicht zu erwerben: Die Drogen aus der Natur, wie beispielsweise die Rauschpilze, Zaubersalbei oder Muskatnuss. Die Bundesregierung ist darüber besorgt, denn Naturdrogen liegen im Trend.

Ein Konsument beschreibt seine Rausch-Erfahrungen mit Salvia divinorum folgendermaßen: Die aus Mexiko stammende Pflanze wird im Volksmund als Zaubersalbei, als Wahrsagepflanze oder Aztekenpflanze benannt. „ Nach dem Gebrauch der Wasserpfeife (da hätte noch mehr drin sein können …) trat die Wirkung ein: Es war, als ob erst meine Füße, dann meine Beine nach oben flossen, an meinem Gesicht schob sich mein Unterkörper vorbei und über den Kopf  in den Rücken hinein. So wie sich mein Körper verschlingerte, verstrudelte er sich mit der ganzen Welt. Ähnlich flüssigem Wachs, welches kräftig umgerührt wird.“

Laut Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ist das in den Pflanzen enthaltene Salvinorin ein natürlich vorkommendes Halluzinogen. Mexikanische Schamanen versetzten sich früher mithilfe dieser Blätter in Trance. In Deutschland befördern sich neuerdings „Salvianauten“ in ungeahnte Sphären – ganz legal.

Wahrscheinlich nicht mehr lange. Denn am 16. Juli 2010  wurde vom zuständigen Sachverständigenausschuss empfohlen, in Anlage 1 des Betäubungsmittelgesetzes die Pflanze Zaubersalbei mit aufzunehmen. Damit wäre, ähnlich wie bei Heroin, Haschisch oder Ecstasy der Handel strafbar. Über den Vorschlag wird zurzeit in der Bundesregierung verhandelt. Das wurde vom Bündnis 90/Die Grünen als Antwort auf eine kleine Anfrage mitgeteilt. Denn die wachsende Verbreitung von Naturdrogen  wie Salvia divinorum wird mit Sorge beobachtet, führt die Einnahme doch zu Psychosen, schweren Bewusstseinsveränderungen und anderen Schäden für die Gesundheit.

Tibor Harrach, Apotheker aus Berlin sagte allerdings, dass die Bundesregierung keine Abhängigkeitsentwicklung bzw. keinen Schadensfall mit der Pflanze Zaubersalbei benennen konnte. Er fungierte als Gutachter in Prozessen gegen einen Berliner, welcher 81 Kilogramm Salvia divinorom aus Mexiko einführte.

Etwa sechzig einheimische Pilze und Pflanzen verfügen über Eigenschaften, die berauschend wirken. Darüber hinaus kommen noch exotische Pflanzen, die sich in Deutschland kultivieren lassen, oder man erwirbt sie über das Internet. Dazu gehören die Favoriten Psilocybe-Pilze, Tollkirsche, Stechapfel, Engelstrompete. Mona Klerings, Sozialpädagogin vom Fortbildungsinstitut Drogen und AIDS (HIDA) Hamburg, bekommt seit ca. zehn Jahren von Konsumenten, Lehrern und Eltern vermehrte Anfragen zur Beratung über Naturdrogen. Deshalb drängte sie darauf, einen Ratgeber über dieses Thema zu verfassen. Der überwiegende Teil der Naturdrogen sind legal, aber wirken halluzinogen, von teils sehr verschiedenen chemischen Strukturen der Inhaltsstoffe unabhängig. Gerät das Gehirn unter ihren Einfluss, sind die Sinnes- und Selbstwahrnehmungen verzerrt und verändert, ebenso die Empfindung von Raum und Zeit.

Der Psychologe Dr. Tim Pfeiffer-Gerschel sagt, dass ein Trend zu biogenen Drogen vermutet werde. Hinweise geben einzelne Studien und Fallberichte. Im Internet sei die Präsenz der Substanzen vorhanden. Die Deutsche Referenzstelle der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht in München wird von Pfeiffer-Gerschel geleitet. Eine systematische Erfassung gebe es derzeit nicht. Das sei auch fast unmöglich bei der Vielzahl der Konsumentenmilieus. Außerdem sind die Pflanzen überwiegend legal erhältlich. Deshalb weigert sich der Psychologe, Zahlen dazu benennen.

2004 kam eine Studie der BZgA über Drogenabhängigkeit zu dem Ergebnis, dass ebenso viele zwölf- bis fünfundzwanzigjährige Jugendliche Erfahrungen  mit psychoaktiven Pflanzen und Pilzen gemacht hatten wie mit Ecstasy, ca. 4 %. Ergebnisse in ähnlicher Größe zeigten regelmäßige Umfragen in Modellstädten wie Frankfurt und Hamburg. Eine Erhebung, die europaweit durchgeführt wurde,  brachte Ergebnisse in ähnlicher Größenordnung hervor.

Erwachsene konsumieren zum einen Naturdrogen, weil sie spirituelle Erfahrungen machen möchten, erklärt Klerings.  Dabei werden sie oftmals von einem Schamanen angeleitet. Die jüngere Generation wird dagegen eher von Neugierde und Experimentierlaune getrieben. Immer wieder unerwartet und hochindividuell wird der Kick durch halluzinogene Drogen erlebt. Anders als bei Ecstasy (etwa wie eine Folge einer abendlichen Endlosserie) lösen Naturdrogen jedes Mal ein neues „Filmerlebnis“ aus. Diese Erlebnisse könnten dazu beitragen, in eine psychische Abhängigkeit zu geraten. Auch kann ein Gefühl von Überforderung und Kontrollverlust entstehen. Deshalb sind die meisten Substanzen als Partydrogen ungeeignet. Meist findet der Konsum in kleinen Gruppen oder allein statt, oft in der Natur.

Attraktiv ist außer der Rauschwirkung sicher vor allem auch der Zugang zu den Pflanzen. Sie wachsen im Garten oder im Wald, man kultiviert sie oder kauft sie als Gewürz. Das Internet wird von Klerings als weitere wichtige Ursache für den Trend betrachtet. Hier sind die Substanzen zu kaufen und jeder kann sich über deren Anwendung austauschen.

Von vielen Konsumenten werden die Naturdrogen für weitestgehend harmlos gehalten. Weil sie doch das „Gütezeichen Natur“ tragen, erklärt Klerings. Er warnt davor, für sie die Bezeichnung „Biodroge“ anzuwenden, da „bio“ in unserem Gedächtnis als etwas Unbelastetes, Gutes und Reines abgespeichert ist. Dass solche Pflanzen aber chemische Verbindungen enthalten, die zudem hochwirksam sind, ist dabei Niemandem bewusst. Da ihr Gehalt sehr stark schwanken kann, sind sie außerdem unberechenbar.

Die Ärztin Dr. Maren Hermanns-Clausen äußert dazu, dass jeder Körper anders auf diese Naturdrogen reagiert. Das kommt auf das Gewicht und Konstitution an und ob andere Rauschmittel gleichzeitig angewendet werden. Die Ärztin ist Leiterin der Vergiftungs-Informationszentrale in Freiburg. Hier fehlen ebenso wie bei den Konsumentenzahlen systematische Erhebungen über Gesundheitsgefahren. Nur in den Giftinformationszentren sind alle Anfragen erfasst, die nach den einzelnen Drogen geordnet sind. Das sei aber nur die Spitze des Eisberges.

Dr. Hermann-Clausen sieht neben einem Vergiftungsrisiko oder im Rausch sich zu verletzen im psychischem Bereich ebenfalls große Gefahren. Mona Klerings meint dazu, dass halluzinogene Drogen eine künstliche Psychose erzeugen, mitunter ein sehr intensives, beängstigendes Erlebnis und  dem man hilflos ausgeliefert sei. Wie man dann das Erlebnis verarbeitet, hängt stark davon ab, mit welchen Problemen und Erfahrungen man sich gerade beschäftigt. Je nachdem, wie die Konsumenten veranlagt sind, können diese „Naturdrogen“ eine  dauerhafte Psychose oder andere Erkrankungen psychischer Art auslösen. Die Konsumenten bleiben sozusagen auf ihrem Trip „hängen“.  Mit der Hoffnung, eine atemberaubende Erfahrung zu machen, gehen die jungen Menschen ein hohes Risiko ein.

Zum Zeichen, dass Naturdrogen nicht harmlos sind, sind für Dr. Hermanns-Clausen Verbote durchaus angebracht. Auch Pfeiffer-Gerschel bemerkt dazu, dass ein Verbot Anlass gäbe, künftig in Konsumstudien die betreffende Naturdroge abfragen zu können und sie genauer zu erforschen.  Jedoch Klerings warnt vor einer Politik mit erhobenem Zeigefinger. Der Konsum von Naturdrogen müsse als Tatsache akzeptiert werden.  Man solle aber durch Aufklärung und andere „Safer Use“ – Ansätze dieses so ungefährlich wie möglich machen. Neben der Warnung dienen diesem Zweck auch das Internetportal www.drugcom.de der BZgA sowie www.jugend-hilft-jugend.de des Fortbildungsinstituts für Drogen und AIDS in Hamburg.

Klerings sagt dazu, dass es besser sei, wenn die Informationen von ihnen kommen als von unseriösen Netzanbietern. Harrach hält es für einen gefährlichen Irrweg, die weitgehend unauffälligen Konsumenten von Naturdrogen zu kriminalisieren. Ein Betäubungsmittelgesetz hält er für sie nicht angebracht, dadurch nehmen die Konsumenten erfahrungsgemäß weniger Hilfs- und Aufklärungsangebote an. Auch wird der Konsum durch ein Verbot nicht reduziert. Wie man den Naturdrogenkonsum überwachen will, ist für Klerings die große Frage. Jetzt beginnt wieder die Erntezeit für Psilocybe-Pilze  -  seit 2005 sind sie verboten!

Wissenswertes über Pflanzen und Pilze, die wie ein Rauschmittel wirken:

Zaubersalbei (Salvia divinorum): Ursprungsland ist Mexiko. Mazateken-Indianer nutzten sie für schamanische Rituale. Wird auch Azteken-, Zauber- oder Wahrsagesalbei genannt. Das natürlich vorkommende stärkste Halluzinogen ist der Hauptwirkstoff Diterpen Salvinorin A. Die Blätter werden im frischen oder getrockneten Zustand geraucht oder gekaut. Extrakte bieten auch Online-Shops an. Weitgehend unerforscht sind Vergiftungssymptome und andere Risiken. Die Vermutung liegt nahe, dass der Konsum psychische Reaktionen auslösen kann, wie sie für Halluzinogene typisch sind.

Spitzkegeliger Kahlkopf (Psilocybe semilanceata): Ein Pilz, unauffällig, dünner Stiel, kleiner ockerfarbener Hut. Wächst öfter auf Tierweiden. Wird getrocknet oder frisch verzehrt. Die in ihm enthaltenen Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin lösen ähnliche, abgeschwächte Halluzinationen hervor wie LSD, die nach ca. 4 Stunden nachlassen. Einen höheren Wirkstoffgehalt haben „Magic Mushrooms“. Sie kommen aus Hawaii und Mexiko, werden vor allem über das Internet angeboten.

Nachtschattengewächse: Tollkirsche (Atropa belladonna), Stechapfel (Datura stramonium) als einheimische Arten, Engelstrompete (Brugmansia/Datura suaveolenes) Zierstrauch in Gärten. Alle enthalten die Tropanalkaloide, Scopolamin, Atropin und Hyoscyamin. Sie können mehrstündige, starke Halluzinationen hervorrufen. Leicht treten Vergiftungserscheinungen auf. Sie äußern sich mit einem Anstieg der Herzfrequenz, der möglicherweise lebensbedrohlich sein kann, Atemlähmungen, Pupillen erweitern sich, Lichtempfindlichkeit, Sehstörungen, Mundtrockenheit, Hautrötungen. Verzehrt werden die Pflanzen frisch oder getrocknet, geraucht, als Tee getrunken.

Fliegenpilz (Amanita muscaria): Wird meist getrocknet, auch roh verzehrt, geraucht. Nach 30 Minuten tritt Schläfrigkeit ein, begleitet von Glücksgefühlen und vor allem von optischen Halluzinationen. Hält ca. 5 Stunden an. Inhaltsstoffe sind die Alkaloide Muscarin, Ibotensäure sowie ihr Umwandlungsprodukt Muscimol. Lebensbedrohliche Vergiftungen können auftreten, die sich mit Muskelzuckungen, Bauchschmerzen, Verwirrtheit und Erregungszuständen äußern.

Muskatnuss (Myristica fragrans): Samen des tropischen Muskatnussbaumes werden als Gewürz verwendet. Ab 5 Gramm wirken sie berauschend. Inhaltsstoffe sind Myristricin, Safrol, Elemicin. Sie lösen Halluzinationen, Benommenheit, Euphorie sowie Sprachstörungen aus. Vergiftungserscheinungen äußern sich mit Herzrasen, Kopf- und Magenschmerzen, Mundtrockenheit, Übelkeit, Erbrechen.

Meerträubel (Ephedra sinica): Rutenzweige, meist aus Tibet oder China eingeführt. Sie enthalten Pseudoephedrin, Ephedrin und andere Alkaloide mit amphetaminartiger Wirkung. Das sympathische Nervensystem wird stimuliert, gesteigerte Konzentration, Wachheit, Leistungsfähigkeit. In höherer Dosis erzeugen sie einen ähnlichen Rausch wie Speed. Eine Überdosierung äußert sich mit Herzrhythmusstörungen, Schweißausbrüchen, Krämpfen, Zittern. Seit Juli unterliegt Ephedra dem Grundstoffüberwachungsgesetz, um den Handel im Internet einzuschränken. Ausgenommen von der Regelung sind Apotheken, auf Rezept dürfen Präparate mit Ephedra abgegeben werden. Nicht verschreibungspflichtig sind homöopathische Verdünnungen (ab D1).


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 17.12.2010 - 18:45 Uhr
Kategorie: Medikamententester News