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Die Beine von Monique van der Vorst


Im Alter von 13 Jahren war Monique van der Vorst nicht mehr fähig, sich zu bewegen. Niemand hätte gedacht, dass sie vier Jahre später im Behindertensport siegen würde, sich praktisch ein Wunder erkämpfte. Ihre Rollstühle und Handräder hat sie noch behalten. Auch ihr Trainings- und das Wettkampfrad für lange und kurze Strecken sind noch bei ihr. Fotos an den Wänden zeugen von ihren großen Rennen bei den Paralympics in Peking. Dort gewann sie zwei Silbermedaillen. Im Regal sieht man Pokale und Urkunden. Aufgehoben hat sie sich auch eine Magnumflasche Champagner.

Spricht man sie auf ihre Erfolge hin an, errötet sie. Bescheiden nickt sie auf die Frage, ob sie stolz auf ihr Erreichtes sei. Monique van der Vorst pflegt ihre Bilder, Pokale, Rollstühle und Handräder – alles ist staubfrei, es sind ihre Erinnerungen.

Wer Monique van der Vorst nicht kennt, würde nicht vermuten, dass sie behindert ist. Sie kann zur Wohnungstür laufen, um Besucher zu empfangen. Sie bewirtet ihre Gäste selbst mit Getränken, die sie aus der Küche für sie holt. Man kann sie auch im Einkaufszentrum Amstelveen, etwas außerhalb von Amsterdam treffen, wenn sie gemütlich durch die Ladenpassagen schlendert und auch mal ihr Spiegelbild betrachtet. Keine Behinderung ist an ihr zu sehen, für sie seltsam.

Nur wer ihren Gang genau beobachtet, merkt dass irgendetwas nicht stimmt. Sie läuft etwas zu vorsichtig, zu langsam setzt sie einen Fuß vor den anderen. Aber ihr Körper ist trainiert und athletisch. Man kann es mit Menschen vergleichen, die selten rauchen. Die Zigarette richtig zu halten ist für sie ungewohnt, wenn sie daran ziehen, sieht es unbeholfen aus, husten müssen sie dann auch noch.

Man sieht Monique van der Vorst die Schmerzen nicht an, die sie immer noch mit jedem Schritt spürt. Ob sich das einmal geben wird, weiß niemand. An diesem Wochenende läuft sie in Rom vier Kilometer. Das wird für sie eine Tortur werden.  Es ist ein Fun-Lauf, der für alle offen ist und bildet das Rahmenprogramm für den Rom-Marathon. 40.000 Teilnehmer wollen eine Gaudi daraus machen. Es ist für Monique eine der größten Herausforderungen in ihrem Leben. Größer als Europameisterschaften, Weltmeisterschaften oder internationale Wettkämpfe.

Die 26-jährige Monique ist zuversichtlich, dass sie es schafft. Aber im Moment hat sie starke Schmerzen, die sie aushalten will („Schmerzen können auch dein Freund sein“). Sie meint, dass sie wieder von ganz unten anfange. Das will sie noch nicht richtig wahrhaben. Sie war schließlich einmal die erfolgreichste Leistungssportlerin im Behindertensport der Niederlande.

Als Dreizehnjährige musste sie sich einer Knöcheloperation unterziehen. Bei dem Routineeingriffe stellten sich Komplikationen ein. Für die Ärzte unerklärlich, war nach der Narkose Moniques linkes Bein unbeweglich geworden. Wer Monique kannte, bewunderte ihre Kraft, das Schicksal anzunehmen. Sie klagte nicht, sondern versuchte, das Beste aus ihren Möglichkeiten zu machen. Aber es brauchte seine Zeit.

Sie sagt, dass sie damals sehr deprimiert war. In der Reha hatte sie viel Zeit, um über ihr Schicksal nachzudenken. Eine Amputation ihres linken Beines war im Gespräch, teilweise war es bereits schwarz. Die Ärzte sagten „Das Bein muss runter“. Aber Monique setzte mit Hilfe ihrer Mutter durch, das Bein nicht zu amputieren. Monique versuchte es mit Sport, anfangs auch als Flucht vor der Klinik. Es stellten sich Erfolge ein, ihr Zustand besserte sich nach und nach. Bis sie ihre Behinderung akzeptieren konnte, vergingen drei Jahre. Sie benutzte den Rollstuhl und war praktisch gezwungen worden, erwachsen zu werden. Dass sie eines Tages wieder laufen könnte, hatte sie natürlich gehofft. Doch die Realität sah anders aus, so verdrängte sie die Hoffnung.

Durch Sport versuchte sie aus ihrem körperlichen Handikap herauszukommen, wie besessen stürzte sie sich hinein. So trainierte sie Handbiking wöchentlich 40 Stunden. 2001 wurde sie zum ersten Mal Europameisterin, es war der erste Meistertitel von weiteren 15 niederländischen Titeln. Es sollten noch drei weitere Meistertitel folgen. Zum ersten Mal Weltmeisterin wurde sie 2002. Sie gewann insgesamt sieben Titel bei Weltmeisterschaften. Sie hatte weiterhin noch viele Erfolge. Aber die Rückschläge prägten sie gravierend.

Der erste Unfall passierte im Jahre 2007: Unterwegs mit dem Auto wurde ihr die Vorfahrt genommen. Die anschließende Reha dauerte sechs Monate und dadurch verpasste sie beinahe die Qualifikation für Peking. Ein weiterer Autounfall passierte im Trainingslager 2008: In Florida übersah ein Autofahrer Monique und ihren Trainingspartner. Dabei wurde sie am Rückenmark verletzt. Trotzdem ging sie in Peking an den Start und gewann zwei Silbermedaillen für die Niederlande.  Den Iron Man für Behinderte gewann sie 2009 auf Hawaii. Sie fuhr mit dem Handrad 180 Kilometer, schwamm 3,8 Kilometer, im Rollstuhl absolvierte sie einen Marathon. In diesem Jahr wurde Monique von den Niederländern zur Behindertensportlerin des Jahres gewählt.

Ständig war sie unterwegs. Auf allen Kontinenten ist sie gestartet. Nebenbei hatte sie noch ein Studium an der Universität in Amsterdam aufgenommen. Sie war ein Teil der Sportlerszene der Niederlande und hatte eine Karriere. In ihrer Heimatstadt trägt ein Platz ihren Namen. Ihre Behinderung hat sie angenommen – bis zu dem an ein Wunder grenzenden Ereignis …

Es begann wieder mit einem Unfall. 2010, sie war im Trainingslager auf Mallorca, dort stieß sie mit einem Radfahrer zusammen. Zunächst schien der Unfall im Vergleich zu dem Unfall in Florida – harmlos zu sein. Noch als sie auf der Straße lag, zuckte plötzlich ihr ganzer Körper. Obwohl die Spasmen anhielten und sie sich immer schlechter fühlte, zog sie das Trainingslager noch bis zum Ende durch.

Zu Hause in den Niederlanden spürte sie, wie sie immer kraftloser wurde. Schließlich konnte sie sich nur noch kriechend fortbewegen. Im Krankenhaus waren die Ärzte ratlos und sie wurde mit Paracetamol wieder nach Hause entlassen. Aber es ging ihr immer schlechter, sie bekam am ganzen Körper Schmerzen und der Rücken brannte. Plötzlich bemerkte sie, dass sie trotz der Schmerzen ihre Beine spürte. Diese hatte sie komplett vergessen. Ihr war, als würden sie mit kleinen Kugeln beschossen. Sie fand das absurd, denn in ihrem Kopf existierten ihre Beine gar nicht mehr. Sie begann einfach wieder mit ihrem Training.

Auf Händen kroch sie durch das Krankenzimmer. Nach Wochen konnte sie einen Ball mit ihren Beinen in die Höhe heben. Am Barren konnte sie gut üben. Ihre Arme waren noch stark und sie konnte dort das Laufen nachempfinden. Langsam belastete sie ihre Beine immer mehr. Davon gibt es Videos: Man sieht eine Frau und hauptsächlich ihren Oberkörper, ihre dünnen Beine baumeln wie Uhrpendel unter ihr. Plötzlich bekommt sie irgendwann Bodenkontakt und hatte auch irgendwann ihre Beine unter Kontrolle. Monate vergingen – dann konnte sie stehen!

Sie sagt, dass sie beim Laufen üben „wohl Hunderte Male umgefallen“ sei. Zunächst der erste Schritt und dann zwei Schritte hintereinander. Voller Schmerzen vergingen viele Wochen mit viel Zweifel. Endlich hatte sie es geschafft: Sie konnte allein laufen. Niemand kann das bis heute erklären. Monique van der Vorst hat kühne Pläne: Irgendwann möchte sie sich an dem Iron Man beteiligen. Sie weiß, dass es für sie nicht leicht sein wird,  denn es wird ein Iron Man für Nichtbehinderte sein.

Es klingt paradox, aber seit Monique wieder laufen kann, hat sie einiges verloren. Sie darf zum Beispiel 2012 nicht an den Paralympics teilnehmen. Ihre Karriere als behinderte Spitzensportlerin ist beendet und die Teilnahme an deren Wettbewerben ist nun tabu. Zu ihren ehemaligen Mannschaftskameraden ist der Kontakt abgebrochen. Für Monique ist es eine gewaltige Umstellung als Nichtbehinderte, ohne Rollstuhl, zu laufen. Sie sagt, als sie im Rollstuhl saß waren die Menschen freundlicher zu ihr: Es wird die Tür aufgehalten und sie fragen, ob sie Hilfe brauche. Nun fällt es ihnen schwer, mit ansehen zu müssen, wie Monique wieder unbehindert laufen kann. Erst jetzt wird ihr bewusst, wie eingeschränkt sie im Rollstuhl war. Ein völlig neues Lebensgefühl hat sich bei ihr eingestellt.

Monique ist sehr dankbar, dass die Lähmung zurückgegangen ist. Nun will sie ihr Leben neu beginnen. Zuerst möchte sie ihr Studium so schnell wie möglich zum Abschluss bringen. Sie hat keine Angst vor einem Rückfall.

Sie möchte ihre Erfahrungen anderen Menschen nahe bringen. Ihr Leben sollte eine Inspiration für andere sein. Sie sagt, dass sie gelernt habe, das zu tun, was man machen will und das so schnell wie möglich. Das Leben ist kurz, alles kann sich mit einem Schlag ändern.

Zum ersten Mal ist sie seit mehr als dreizehn Jahren auf einem ganz normalen Fahrrad gefahren. Obwohl sie sich wahnsinnig hoch fühlte und auch Angst hatte, schaffte sie anfangs immerhin ein paar Hundert Meter. Heute fährt sie ihre 65 Kilometer, ihre alte Trainingsrunde. Bald möchte sie sich ein eigenes Rad kaufen, das jetzige hat sie von einer Stiftung bekommen. Ihre Handräder und Rollstühle will sie bald über Ebay verkaufen.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 31.03.2011 - 22:25 Uhr
Kategorie: Medikamententester News

 

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