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Die DDR nahm Kinder als Versuchskaninchen


Über Jahre hinaus sollen an der Medizinischen Akademie Magdeburg (MAM) illegal Medikamente an Patienten, auch an Kindern, getestet worden sein.  Um an Devisen zu gelangen, sollte 1986/87 eine Hornhautbank aufgebaut werden. Die Augen-Hornhäute sollten gegen Devisen verkauft werden. Die Informationen stammen aus bisher nicht bekannten Stasi-Akten, welche der Volksstimme vorliegen.

Magdeburg. Dr. Ulrich Mielke, Stasi-Experte, sagt, dass die ersten Ergebnisse eines Forschungsantrages „unglaubliche Einzelheiten“ ans Licht gebracht hätten. Danach wurden illegale Tests von Medikamenten westlicher Pharmafirmen nachgewiesen, die in der DDR durchgeführt wurden. Vorwürfe waren bereits 1991 bekannt, dass Arzneien an DDR-Bürgern – ohne deren Wissen und Zustimmung – ausprobiert wurden. In den westlichen Herstellungsländern waren diese Medikamente nicht zugelassen. Dafür sollen an die DDR Westmark in Millionenhöhe gezahlt worden sein. Damals bezogen sich die Vorwürfe in der Hauptsache auf die Berliner Charité.  Das TV-Magazin des MDR „exakt“ berichtete, dass es derartige illegale Tests auch in Mitteldeutschland gegeben haben soll. Als Versuchsort für eine Studie über Busarelin-Implantat wurde die MAM genannt.

Der Volksstimme liegen jetzt Akten vor, die belegen, dass auch an Kindern Versuche vorgenommen worden waren. Die verwendeten Medikamente waren nicht zugelassen, eine Information und Zustimmung wurde nicht eingeholt. Die Tests, wofür Westgeld gezahlt wurde, erfolgten unter strengster Geheimhaltung. Prof. Horst Köditz, langjähriger Direktor der Magdeburger Kinderklinik sagte der Volksstimme, dass sehr strenge Richtlinien für die Kinderheilkunde vorgegeben gewesen wären. Derartige Tests wären in seiner Klinik unmöglich gewesen.

Dagegen sagt eine Zusammenfassung in den Stasi-Akten über die Medikamententests aus, dass 1980 im Juli an 40 Kindern (Dresden, Berlin, Halle und Magdeburg) mit Zaditen-Tabletten sowie Sirup von der Firma Sandoz (Schweiz) deren Wirksamkeit bei Asthma erprobt worden sei.

Desweiteren gab es Tests von Firmen aus den USA und Dänemark. Aus dem Faksimile geht hervor, dass der Spitzel der Stasi „Erich Amelung“ über „Verhandlungspartner der MAM aus dem NSW zu immateriellen Export“ Informationen gibt. 1986 hat es demnach Verhandlungen über den Test von Kathetermaterial für Blutgefäße mit der Firma COOK in Dänemark gegeben. Außerdem geht hervor, dass in einem Umfang von 27 000 DM  mit der US-Firma MIDY LABAZ verhandelt wurde. Das betrifft eine Testung einer Substanz, die für die Behandlung von Bronchialerkrankungen eingesetzt werden könnte. Ab November 1986 sollte über ein Jahr der Test an 20 Patienten erfolgen.

Stasi-Spitzel „Erich Amelung“ berichtete über das Vorhaben „Hornhautbank“ am 23. 9. 1986 seinem Führungsoffizier der Abt. II der Bezirksverwaltung Magdeburg des MfS (Ministeriums für Staatssicherheit). Dieser Bericht reiht sich in mehrere hundert Seiten der Stasi-Akten ein. Die Volksstimme hatte den Auftrag zu dem Forschungsantrag „Geheime Medikamententests in medizinischen Einrichtungen im Bezirk Magdeburg“ gegeben und die Akten von der Stasi-Unterlagenbehörde Berlin erhalten.  IM „Erich Amelung“ war bis 1989 als stellvertretender Direktor für medizinische Betreuung an der MAM tätig. Er informierte das MfS über eine Beratung, auf der in Leipzig mit dem Ministerium für Gesundheitswesen abgestimmt wurde, dass eine „Hornhautbank“ an der MAM für den Versorgungsraum Leipzig-Halle-Magdeburg errichtet werden solle.

Darin heißt es, dass die Überschüsse der Hornhäute, die dreißig Tage konservierbar sind, an eine daran interessierte Firma in den USA verkauft werden sollen, welche für den arabischen Raum liefert  (je Hornhaut ein Erlös von 450 bis 500 Dollar).

Die Stadt Magdeburg ist vor allem deshalb ausgewählt worden, weil von ihr aus die Transportwege günstig waren (bis Hannover reicht die Autobahn, anschließend Flug). Zum Schluss ist in der von dem Stasi-Offizier verfassten Niederschrift zu lesen, dass in alle Verkaufsverhandlungen der IM einbezogen war und dieser zur Kontrolle und Aufklärung der Firmenvertreter eingesetzt wurde.

Von den im Krankenhaus verstorbenen Patienten sollten die Hornhäute entnommen werden. Mielke ist sich sicher, dass es dafür keine Zustimmung der betroffenen Patienten oder von deren Angehörigen gegeben hat. Der ehemalige Mitarbeiter von MAM untersucht wissenschaftlich die Machenschaften der Stasi im Gesundheitswesen im ehemaligen Bezirk Magdeburg. Im Auftrag der Volksstimme hat er die neuesten Aktenfunde zur MAM ausgewertet. Er stellt fest, dass es unbegreiflich sei, wie skrupellos die Stasi und die SED vorgegangen seien. Die geheimen Tests von Medikamenten und der geplante Verkauf von Hornhäuten von Patienten, die von nichts wussten – für Westgeld – zeigen den Charakter des Unrechtsstaates DDR. Gegolten habe für die Entnahme von Organen die sogenannte Widerspruchsregelung. Nur wer vor seinem Tod ausdrücklich gesagt hatte, dass er gegen eine Entnahme von Organen ist, wurde nicht „ausgeschlachtet“. Mielke fragt sich, wer wohl  vor seinem Tod noch in der Lage dazu gewesen sei.

Prof. Hans-Walter Schlote war Direktor der Augenklinik MAM in den Jahren von 1987 – 1992. Er hat nichts von einem Vorhaben „Hornhautbank“ in Magdeburg gewusst. Der jetzt 70-Jährige äußerte gegenüber der Volksstimme, dass er zum ersten Mal von der Sache höre. Damals hätten sie bereits Hornhäute verpflanzt, aber von Verkäufen wisse er nichts. Ein „Riesenproblem“ wäre damals die Konservierung der Häute gewesen. Außerdem fragt sich Schlote, wer die Hornhäute  hätte entnehmen sollen, denn für einen derartigen „Ausverkauf“ hätte sich keiner seiner Kollegen bereit erklärt.

Dieses Logistikproblem wurde von der Oberärztin Dr. Dorothea Hübner (Universität in Greifswald) bestätigt. Hier wurde 1993  die erste Hornhautbank der neuen Länder eingerichtet. Seit etwa 1980 gab es bereits Hornhautbänke, vorwiegend in den USA, damit mit einer gespendeten Hornhaut Patienten versorgt werden konnten. Derartige Operationen unterliegen heute dem Transplantationsgesetz mit seinen strengen Regeln. Hübner bemerkt dazu, dass in jedem Fall eine Zustimmung des Spenders oder einer befugten Person vorliegen muss, ehe eine Entnahme von Hornhäuten eines Spenders erfolgen kann.

Noch ein anderer Fall fand sich in den Akten: So stufte die Stasi als „Streng geheim“ eine „Information zu positiven AIDS-Untersuchungen bei Blutbestandteilen aus dem Export“ ein.  In der Schweiz waren 1985 bei exportierten  DDR-Blutkonserven Antikörper nachgewiesen worden. Daraufhin wurden von der Stasi „operative Maßnahmen zur Spender-Identifizierung“ eingeleitet, obwohl die Konserven von anonymen Spendern stammten. Mielke vermutet, dass sie vielleicht zur Mitarbeit erpresst werden sollten.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 04.01.2011 - 20:27 Uhr
Kategorie: Medikamententester News