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Die Droge Sex


Mit ein paar Maus-Klicks ist der Pornofilm im Internet zu sehen. Dieser Versuchung erliegen manche immer wieder und können süchtig danach werden.

Um diese Sucht „sichtbar“ zu machen, hat sich Ursula Beckmann als Probandin zur Verfügung gestellt. Für die wissenschaftliche Untersuchung mittels Magnetresonanz-Tomografen muss sich die Probandin – eine Studentin für Tiermedizin –vollständig verkabeln lassen. Sie benutzt einen Kopfhörer und über einen Spiegel kann sie den Bildschirm sehen, der über ihrem Kopf angebracht ist. In die Röhre des Tomografen hineingeschoben kann sie dann den Film verfolgen.

Der Versuch wird von der Diplom-Psychologin Britta Günster geleitet. Im Nebenraum kann die Psychologin das Gehirn der Probandin beobachten, ebenso ihren Puls und die Atmung. Auch welche Bilder im Scanner gerade ablaufen und die Probandin sieht, kann sie verfolgen: unspektakuläre Fotos, bunte Vierecke oder Pornobilder.

Das ganze dauert dreieinhalb Stunden in drei Durchläufen im Magnetresonanz-Tomografen. Das reicht für die Wissenschaftler am Gießener Bender Institute of Neuroimaging (Bion) aus, um zu wissen, wie es um die sexuelle Motivation der Probandin bestellt ist: wie ihre Reaktion auf sexuelle Reize ist, wie sie sich von Pornobildern ablenken und konditionieren lässt.

Ursula Beckmann ist eine von hundert anderen Probanden, welche insgesamt alle nicht-süchtig sind. Sie wollen zur Erforschung der Internet-Sex-Sucht beitragen. Professor Rudolf Stark, Universität Gießen ist für Psychotherapie und Systemneurowissenschaften zuständig und sagt, dass man herausfinden möchte, was genau Internet-Sex-Sucht darstellt, warum sie überhaupt entstehen kann. Als Internet-sexsüchtig werden diejenigen Menschen bezeichnet, die Pornos eigentlich ablehnen, aber der Versuchung, sie trotzdem anzusehen, immer wieder verfallen.

Dieses Phänomen will man bis ins letzte Detail gehend mit Hilfe des Magnetresonanztomografen (MRT) durch Einblicke in die Aktivität des Gehirns erforschen. Die genetischen und psychosozialen Voraussetzungen dieser Suchtform fallen ebenfalls ins Blickfeld.

Bisher nicht anerkannt ist die Internet-Sex-Sucht als Krankheit. Vermutlich wird sie aber in einer der nächsten Ausgaben der internationalen Klassifikationssysteme DSM V und ICD-11 aufgenommen.
Experten haben ausgesagt, dass Sex-Süchtige immer zahlreicher werden. Ein Grund dafür könnte sein, dass im Internet Pornos leicht abgerufen werden können. Tausende neue Pornoseiten werden Tag für Tag ins Internet gestellt. Eine Statistik ist nicht vorhanden und die Anzahl der Süchtigen unbekannt.

Das Forschungsprojekt kann man unter www.sexsucht.vt-giessen.de aufrufen und noch mehr Infos erfahren.

Herausfinden wollen zunächst die Forscher, wie das Gehirn auf das Wahrnehmen von sexuellen Reizen reagiert. Sie wollen wissen, ob es zwischen sexueller Motivation und sexueller Ansprechbarkeit Zusammenhänge gibt und ob auf die Menschen, die auf Sex schlecht verzichten können, sexuelle Reize schnell wirken. Die Wissenschaftler wollen in einem weiteren Schritt untersuchen, ob sexuell besonders angeregte Personen von Pornobildern beeinflusst werden.

Stark, der Leiter der psychotherapeutischen Ambulanz von der Universität Gießen ist, schätzt die Forschung zu diesem Thema als sehr wichtig ein. Kommen doch viele Internet-Sex-Süchtige in seine Sprechstunde, von denen viele unter einem extremen Leidensdruck stehen. Stark konnte erleben, dass bei vielen seinen Patienten die Sucht  Arbeitsverhältnisse und soziale Beziehungen auseinander brechen ließ. Beim Ansehen von Pornos gibt der Orgasmus irgendwann kein Stoppsignal mehr. Ein typisches Merkmal der Süchtigen ist auch, dass die Betroffenen nicht mehr davon loskommen, obwohl sie es möchten. Der Computer verführt sie wieder und wieder – die Internet-Sex-Sucht ist ein Teufelskreis.

Stark merkt an, obwohl sich Experten in Praxen und  Kliniken schon lange mit der Problematik auseinandersetzen, dass die Forschung hinterher hinke. Es habe lange gedauert ehe man erkannt hat, dass Internet-Sex-Sucht der Spielsucht gleichgestellt werden muss und als stoffungebundene Suchtkrankheit akzeptiert werden sollte.

Die Gießener Wissenschaftler sehen den Teufelskreis so: Die Betroffenen flüchten sich anfangs in eine Scheinwelt, um Frust von der Schule oder im Beruf abzubauen. Tim Klucken, vom Gießener Institut für Konditionierungsaspekte der Sucht zuständig, bemerkt weiter, dass diese Flucht in die Scheinwelt als Strategie zur Bewältigung erlernt und angewendet werde und schließlich brauche der Betroffene nur seinen Monitor anzusehen, um sein Bedürfnis nach Pornos auszulösen.
Die Sucht nach Computerspielen funktioniert vermutlich ähnlich. Sexuelle Reize sind allerdings unmittelbarer, sprechen sie doch ganz basale menschliche Bedürfnisse an.

Die Probanden, unter ihnen auch Ursula Beckmann, nehmen an drei Studien teil. Sie werden im MRT als erstes darauf getestet, wie heftig ihre Reaktion auf Pornobilder ist. Sie bekommen zum Vergleich Fotos zu sehen, die harmlos oder schockierend sind. Danach folgen Konzentrationsaufgaben, die zu lösen und zu beurteilen sind, z. B. ob zwei Linien parallel verlaufen, wenn gleichzeitig Pornobilder zwischen beiden Linien gezeigt werden. Im dritten Versuch werden die Probanden konditioniert. Ihnen wird gezeigt, auf ein buntes Viereck folgt immer ein Pornobild, ein sexueller Reiz. Nach Verlassen des MRT  muss noch ein Fragebogen (in Gießen ausgearbeitet) zu ihren sexuellen Motivationen beantwortet werden.

Desweiteren werden die Probanden von den Wissenschaftlern abgefragt, wie oft und welchen Aufwand sie für Sex betreiben. Die Wissenschaftler hoffen auf eine Bestätigung ihrer Hypothese eines Teufelskreises besonders durch die Verknüpfung von Konditionierbarkeit und sexueller Motivation. Ein ähnlich angelegtes Pilot-Experiment soll die Auswertungen unterstützen.

Rudolf Stark schätzt ein, dass der Internet-Sex-Sucht vor allem junge Männer verfallen sind, von denen einige gefährlichen und exzessiven Gebrauch davon machen. Zum Schluss ist eine gewisse Anzahl der Konsumenten der Droge verfallen. Die Frage ist, wer wird eigentlich nach Internet-Pornografie süchtig, welche Prozesse sind nötig, um von der Sucht befallen zu werden. Weshalb betrifft es nicht alle Konsumenten? Die Wissenschaftler haben deshalb vor, mit 25 sexsüchtigen Probanden das Experiment zu wiederholen. Anschließend soll es mit nicht-süchtigen Probanden verglichen werden.

Von dem erneuten Experiment erhofft sich Rudolf Stark Erkenntnisse darüber,   wie die Abweichungen und Parallelen zu den bisherigen, nicht sexsüchtigen Probanden sind und welche Komponenten zuständig für eine ausgeprägte Sex-Sucht im Internet sind.




Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 08.01.2012 - 11:27 Uhr
Kategorie: Medikamententester News