Ihr Medikamenten Informationsportal
Wissenswertes für Probanden
Kontaktadressen-Liste für Kliniken

Ein neues Mittel zur Bekämpfung von Malaria-Kranke - Artemisinin/Riamet


Forscher haben einen neuen Wirkstoff im Visier, welcher große Hoffnungen im Kampf gegen Malaria verspricht. Die Substanz hat im Tierversuch zuverlässig die Krankheitserreger abgetötet. Enorme Mittel werden schon jetzt von der Pharmaindustrie in die Medikamentenentwicklung gesteckt. Wenn die Herstellung und Wirkung des neuen Medikaments gegen Malaria gelingt, könnte es gigantische Gewinne für die Pharmaindustrie einbringen.

Wie eine Wunderwaffe ist Artemisinin für Malaria-Kranke. Dieser Pflanzenstoff kommt in Blüten und Blättern des einjährigen Beifußes vor. In China wird er bereits seit Jahrtausenden zur Bekämpfung dieser Krankheit erfolgreich angewandt. Das Pharmaunternehmen Novartis aus der Schweiz wendet schon längst Artemisinin in Verbindung mit einem zweiten Wirkstoff an und wird unter dem Namen Riamet vertrieben. Im Kampf gegen Malaria, deren Erreger der Einzeller Plasmodium ist, ist dieses Medikament seit vielen Jahren unentbehrlich. Mit diesem Wirkstoff werden pro Jahr ca. hundert Millionen an Malaria erkrankte Patienten behandelt. Seit einiger Zeit häufen sich Aussagen von Wissenschaftlern, die über resistente Erreger gegenüber Artemisinin berichten.

Gerade zur richtigen Zeit erscheint im Fachmagazin „Science“ eine Veröffentlichung über die Entwicklung eines neuen Wirkstoffes, der auch die auf Artemisin resistenten Erreger besiegen könne. Das neue Arzneimittel wurde von einem internationalen Forscherteam unter Leitung von Matthias Rottmann, Swiss Tropical and Public Health Institute in Basel entwickelt. Partner aus der Pharmaindustrie, auch Novartis waren mit daran beteiligt. NITD609 wurde die chemische Substanz benannt. Es handelt sich dabei um ein vollständig synthetisches Molekül.

Es gehört der Klasse der sogenannten Spiroindolone an. Die Forscher berichten, dass NITD609 in der Lage sei, die Formen des Blutstromes der beiden hauptsächlichen Erreger der Malaria, Plasmodium vivax und Plasmodium falciparum effizient und schnell abtöten könne. Die Parasiten durchlaufen in einem komplizierten Lebenszyklus verschiedene Formen an. Ausschlaggebend ist der Wirt, der Mensch oder die Anopheles-Mücke, auf der sich die Parasiten gerade befinden. Beim Menschen geraten sie irgendwann in den Blutkreislauf und befallen dort die roten Blutkörperchen. NITD609 ist in der Lage, an dieser Stelle den Lebenszyklus der Parasiten zu blockieren. Die notwendige Proteinproduktion der Erreger wird verhindert. Bemerkenswert ist, dass die Forscher in einem eher althergebrachten Screening-Verfahren die Substanz entdeckt haben.

Bei diesem Verfahren wird von Hunderten bis Tausenden von chemischen Substanzen die Wirkungsweise auf die ganze Zelle, hier auf den Parasiten, getestet. Wird eine gewünschte Wirkung angezeigt, wird in Tierversuchen weiter untersucht. Dieses Verfahren wird heute eher selten angewandt. Inzwischen helfen genetische Datenbanken weiter um zuerst diejenigen Moleküle zu finden, die wichtig zum Überleben der Erreger oder der Zelle sind. Danach kann gezielt nach den Substanzen gesucht werden, die den entsprechenden Verlauf unterbrechen könnten. Bei Tierversuchen mit Ratten und Mäusen, sie litten unter der Nagetiervariante der Malaria, reichte eine einzige NITD609-Dosis, oral verabreicht, aus, um die beiden Haupterreger zu besiegen.

Die Tiere wurden geheilt. Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet. Als ungefährlich erwies sich die Substanz auch bei Versuchen mit diversen menschlichen Zelltypen. Gegen Ende des Jahres hoffen die Forscher nach weiteren Tests, erste klinische Studien am Menschen beginnen zu können. Nachdem die Wissenschaftler die Malaria-Erreger nichttödlichen Wirkstoffdosen über eine längere Zeit ausgesetzt hatten, konnte der genaue Angriffspunkt von NITD609 herausgefunden werden. Es wurde auf diese Art bei den Parasiten absichtlich eine Resistenzbildung herbeigeführt.

Im Anschluss daran verglichen die Forscher das Genom der resistenten Stämme mit dem herkömmlichen Erreger. Dabei wurde festgestellt, dass für die Widerstandsfähigkeit der resistent gewordenen Erreger, auf einem bestimmten Gen Veränderungen verantwortlich gewesen sind. Es enthält den Code für das Protein mit Namen PfATP4. Dieses Eiweiß hat Einfluss darüber, welche Substanzen in den Körper der einzelligen Parasiten durch die Zellmembran eindringen dürfen. Jenes Protein muss eben im Umkehrschluss der Schwachpunkt sein, an dem NITD609 ansetzen kann. Diese genetischen Kenntnisse sind nach Ansicht der Forscher von Bedeutsamkeit, da sie die schnelle Entdeckung resistenter Stämme ermöglichen können. Besonders auch deshalb wichtig, wenn der Wirkstoff eines Tages am Menschen angewendet werden sollte.

Allerdings könnte diese gefürchtete Resistenzbildung bei NITD609 einige Zeit ausbleiben, denn das Wirkverhalten der Substanz weist einen starken Unterschied zu anderen Wirkstoffen wie z.B. Artemisinin auf, die bereits zur Therapie eingesetzt werden. In ihrer Studie geben sich die Malaria-Experten zwar sehr optimistisch, wobei die Aussicht auf satte Gewinne eine Rolle spielen dürfte. Der wissenschaftliche Vorstand Timothy Wells /Medicines for Malaria Venture gibt aber zu bedenken, dass es mit der Anwendung beim Menschen noch eine Weile dauern könnte.

Auch ist fraglich, ob Artemisinin wirklich von NITD609 abgelöst werden kann. Man müsse abwarten, wie üblich bei der Entwicklung eines neuen Medikamentes, was die klinischen Studien für Ergebnisse liefern, betonte Wells. Von in Tierversuchen erfolgreichen Wirkstoffen schaffen es höchstens 20 % bis zur Zulassung. Das ist auch größten Optimisten bewusst. Außerdem verfügt Artemisinin über zwei große Vorteile: erstens kann es schnell im Blut die Menge an Parasiten verringern, zweitens tauchen nur langsam Veränderungen im Erbgut auf, die zur Resistenz gegenüber der natürlichen Substanz führen.

Gegen die klassischen synthetischen Wirkstoffe tauchen sie zudem noch langsamer auf. Es könnte noch bis zu acht Jahre dauern, schätzt Wells, ehe NITD609 die Zulassung bekäme. Allerdings habe es nicht so lange gedauert, das sich im Tierversuch als wirksam erwiesene und im Screening entdeckte Molekül zu finden. So könnte sich die gesamte Entwicklungszeit doch noch verkürzen.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 10.09.2010 - 00:00 Uhr
Kategorie: Medikamententester News