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Eine Hörbrille für die Ohren (The vOIce)


Das Zirpen, Fiepen und Knattern im Sekundentakt klingt wie eine Geräuschstörung. Doch diese Laute helfen Pranav Lal zu sehen: das Essen auf dem Teller, daneben sein Getränk im Glas und gegenüber an seinem Tisch ein Gesprächspartner in einem Londoner Cafe. Der Inder Pranav ist 32 Jahre alt  und blind seit seiner Geburt – aber paradoxerweise kann er mit den Ohren sehen. Dank einer erstaunlichen technischen Erfindung, der sogenannten Hörbrille, haben sich seine Sinne erweitert.

Die Hörbrille kann Bilder in Töne umsetzen. Der Erfinder stammt aus den Niederlanden, es ist der Physiker Peter Meijer. Er nennt das entwickelte System „The vOIce“. Für geringe Kosten hat sich Pranav die Brille mit Zubehör selbst besorgt und zusammengesetzt. So ist eine kleine Kamera im Nasensteg der Brille integriert. Sie kann Livebilder an einen kleinen Laptop, welcher sich im Rucksack befindet, übertragen. Ein Computerprogramm wandelt dort die Bilder in Töne um, die dann Pranav über seinen Kopfhörer abhören kann.

Die Hörbrille funktioniert mit einem einfachen Prinzip: Von der Software wird das Bild von links nach rechts gescannt, der Stereoton vom Kopfhörer wandert ebenfalls von links nach rechts. Der Ton ist umso höher, je weiter oben des Gegenstandes eine Struktur liegt. Je nach dem wie hell der Gegenstand ist, desto lauter wird der Ton. Auch für Laien ist bei einfachen Objekten das Prinzip schnell zu erlernen. Allerding empfindet ein ungeübtes Ohr eine komplexe Szene als ein Durcheinander von verschiedenen Tönen. Aber Pranav ist inzwischen schon routiniert und kann die diversen Töne richtig einordnen, ja sogar viele Objekte nicht nur sofort erkennen, er kann sie sich auch vorstellen – sehen. Dazu muss bemerkt werden, das Pranav bereits seit ca. zehn Jahren mit der Brille trainiert. Sie ist mit ihm so vertraut, dass er sich mit ihrer Hilfe nicht nur in Räumen sondern auch im Freien zurechtfinden kann.

Auch die Professorin Petra Stoerig ist von den Berichten der Hörbrillenbenutzer wie dem blinden Pranav Lal fasziniert. In einer Untersuchung im Institut für experimentelle Psychologie der Universität in Düsseldorf möchte sie herausfinden was genau passiert, wenn  die beiden Sinne: Hören und Sehen durch die Hörbrille in Verbindung treten. Für ihre Untersuchungen hat Stoerig Probanden ausgesucht die blind sind, aber auch sehende Probanden, bei denen die Augen verbunden werden.

Am Anfang stehen bei den Übungen mit der Hörbrille leicht zu erlernende Aufgaben. So sollen beispielsweise Probanden lernen, nur über Töne eine aufleuchtende Lampe zu lokalisieren. Alltagsgegenstände zu erkennen ist dagegen wesentlich anspruchsvoller. Die Probanden müssen ca. drei Wochen lang die verschiedensten Gegenstände nur am Klang zu erkennen lernen (z.B. Haarbürsten, Teller, Tassen usw.) Einigen sehfähigen Probanden werden während dieser drei Wochen durchgehend die Augen verbunden. Einige Versuchspersonen haben berichtet, dass bei ihnen im Laufe der Zeit der Eindruck entstanden sei, die Gegenstände schemenhaft wahrzunehmen.

Mit einer Untersuchung per Kernspintomographen soll geklärt werden, ob sich der Lernfortschritt der Probanden auch im Gehirn feststellen lässt. Deshalb wird vor und nach der drei Wochen währenden Trainingsphase die Aktivität des Gehirns gemessen, indem Geräusche vorgespielt werden, die aus Aufzeichnungen der Hörbrille stammen. Wie diese Informationen verarbeitet werden, soll die Gehirnaktivität verraten.

Die Untersuchung liefert erstmals Belege darüber, dass derjenige, der diese Hörbrille benutzt, tatsächlich in der Lage ist, mit den Ohren zu sehen. Deutlich zeichnet sich nach dem Training ab, dass jetzt auch Areale im Gehirn der Probanden aktiv sind, die üblicherweise für das Sehen zuständig sind. Die Probanden sehen aber nichts, sondern können nur hören. Professorin Stoerig und ihr Team können noch nicht den Zusammenhang identifizieren, ob ein Proband die Sehareale nur zur Tonanalyse einsetzt und wann daraus ein realer Seheindruck wird.

Die Brille ist für Pranav Lal längst viel mehr als nur eine Orientierungshilfe. Mittlerweile hat er begonnen, mit ihr zu fotografieren. Form und Lage der Motive verraten ihm die Töne, aus ihnen kann er sogar die Ästhetik eines Objektes einschätzen. Er besucht regelmäßig Museen und Kunstgalerien und kann ohne Sprachführer die Kunstwerke betrachten. Sein Horizont hat sich durch die Hörbrille und der Anpassungsfähigkeit des menschlichen Gehirns buchstäblich erweitert. Sein Wunsch ist nur noch, dass das System noch handlicher und kompakter würde. Denn dann wäre es für ihn in jeder Lebenslage einsetzbar. Er könnte vierundzwanzig Stunden lang nur mit den Ohren sehen.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 29.11.2011 - 22:22 Uhr
Kategorie: Medikamententester News