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Internationale Aids-Konferenz in Wien / Medikamente gegen HIV ?


Die Konferenz kann keine medizinischen Highlights vorweisen, nach wie vor geht die Aids-Bekämpfung nur in kleinen Fortschritten voran. Ganz im Vordergrund steht die rechtzeitige Behandlung als Mittel gegen eine Epidemie mit HIV. So kann heute bei einem Kleinkind in Kenia die Übertragung von HIV von der Mutter auf das Kind durch eine Schutzimpfung verhindert werden und die rasche Behandlung von Infizierten bleibt ohne Schutzimpfung prioritär.Neuansteckungen können so verhindert werden.

An der 18. Internationalen Aids-Konferenz in Wien haben etwa 23 000 Wissenschaftler, Mediziner, Behördenvertreter, Aids-Aktivisten, Politiker sowie 2000 Journalisten teilgenommen. Es war die größte Veranstaltung zum HIV/Aids-Thema. Das umfangreiche Programm, welches auch im Internet verfolgbar war, bestand aus Plenarsitzungen und über 6000 Referaten sowie Präsentationen über die Schwerpunkte rund um die Krankheit HIV/Aids. Mehr Reden als Resultate Trotz des großen Aufwandes der Konferenz wurden in Wien keine medizinischen Neuheiten präsentiert gemäß der üblichen Rhetorik ( „Wir haben zwar viel erreicht, können aber noch mehr“). Der letzte medizinische Durchbruch stammt aus dem Jahr 1996. In Vancouver wurde damals bekanntgegeben, dass die Chance zum Überleben von Infizierten eine Behandlung von mindestens drei Aids-Medikamenten erforderlich macht.

Die medikamentöse Therapie hat sich inzwischen zu einem Erfolg entwickelt. Zwei Dutzend Substanzen zur Aids-Bekämpfung sind bereits vorhanden. Seit Jahren wird eine Schutzimpfung versprochen, die aber immer wieder von falschen Hoffnungen geprägt ist, sagt der ehemalige Direktor des Programms der UNO zu HIV/Aids (Unaids) Peter Piot. Für Aufregung sorgte im letzten Herbst die erste „wirksame“ Impfung. In einer thailändischen Mega-Studie, an der über 16 000 Testpersonen teilnahmen, wurde durch die Impfung nachgewiesen, dass das Risiko, sich anzustecken, sich um ein Drittel reduziert hatte. Konkret bedeutet das: 74 nicht geimpfte Personen infizierten sich mit HIV, bei den Geimpften waren es 51 Personen. Deshalb bleiben als wichtigste Maßnahmen bei der Bekämpfung von Aids die Therapie und die Prävention.

Durch eine richtige Kombination kann der HI-Virus dauerhaft unterdrückt werden und infizierte Personen haben die Chance auf ein normales und auch langes Leben. Auch war in Wien zu hören, dass sich langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass richtig behandelte Kranke nicht mehr ansteckend sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Belastung mit Viren im Blut unter die Nachweisgrenze fällt. Deshalb propagiert man eine rasche Behandlung auch als Präventionsmaßnahme. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat diesen Trend in ihren neuen Behandlungsrichtlinien berücksichtigt. Früher als bisher sollen heute alle Infizierten antiretrovirale Medikamente erhalten, also während der Infektionsphase, wo das Immunsystem noch nicht so sehr geschwächt ist.

Voraussetzung ist allerdings eine frühzeitige Diagnose der Infektion. Dieser Forderung können selbst in der Schweiz 30 % der HIV-Infizierten nicht nachkommen. Eine rasche Behandlung sind für die Gesellschaft und einzelne Personen das Wichtigste, stellt Pietro Vernazza, Aids-Experte vom Kantonsspital St. Gallen, fest. Denn die Virusbelastung im Blut und somit die Ansteckungsgefahr sind ganz am Anfang der Krankheit am größten. Er informiert auch seine Patienten darüber; die WHO-Kriterien, die eine Behandlung rechtfertigen, wartet er nicht ab. Durchschnittlich drei Jahre nach der Infektion werde diese Schwelle nämlich erst erreicht. In Südafrika Großversuch geplant In Wien führte der Aids-Forscher Bernard Hirschel aus Genf vor, dass es theoretisch möglich wäre, Neuansteckungen innerhalb weniger Jahrzehnte auszumerzen – mit der Strategie „Behandlung als Prävention“.

In einem geplanten Großversuch in Südafrika, der im Jahre 2013 abgeschlossen sein soll, werden in einem bestimmten Landstrich die Bewohner auf HIV untersucht. Die Infizierten sollen sofort mit antiretroviraler Medizin behandelt werden. Die Ergebnisse will man danach mit einer anderen Region vergleichen, wo Aids-Bekämpfung nach den Standards der WHO abläuft. Vernazza stuft diese Studie als sehr wichtig ein. Allerdings sei zu bedenken, dass zwischen den Regionen die Migration das Vorhaben erschwere. Weiterhin wurde in Wien ein neues Vagina-Gel von einem Team aus dem USA und Südafrika vorgestellt. Ihnen war es gelungen, mit diesem Gel die Ansteckungsrate bei Frauen um ca. 40% zu senken.

Diese Studie ist in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht. Die Fachwelt horchte aus zwei Gründen auf: Erstens besteht Hoffnung, dass für Frauen eine wirksame Präventionsmaßnahme gefunden ist, die ohne die männliche Kooperation auskommt und zweitens scheiterten bisher frühere Ansätze mit sogenannten Mikrobiziden. Darin waren Mittel enthalten, die die Spermien abtöteten. Das neue Gel dagegen enthält Tenofovir, ein bekanntes Medikament gegen Aids. Es muss innerhalb 12 Stunden vor und nach dem Sexualverkehr angewendet werden. In der besonders von Aids stark betroffenen Region KwaZulu/Südafrika, wurde ein Test an etwa 900 weiblichen Probanden durchgeführt.

Innerhalb der Studie fand eine Aufklärung über Safer-Sex-Regeln statt, Kondome wurden verteilt. Außerdem wurden die Probandinnen aufgefordert, ein Vaginal-Gel anzuwenden. Eine Hälfte der Probandinnen erhielt Tenofovir und die zweite Hälfte ein Placebo. Die Studie erstreckte sich über 30 Monate. In dieser Zeit trat bei 98 Frauen der HIV-Virus auf, davon bei 60 Frauen mit Placebo-Behandlung und bei 38 Frauen, die Tenofovir erhielten. Die Reduktion des Risikos lag damit bei 39%. Außerdem fand Vernazza bei der Untersuchung heraus, dass bei gewissenhafter Anwendung sich Tenofovir in der Schleimhaut der Frau in hoher Konzentration nachweisen lässt. Die Forscher schätzen die Schutzwirkung dann etwa zu 50% ein. Das neue Vaginal-Gel hat außerdem die Eigenschaft, vor genitalen Herpesviren zu schützen, denn beide Infektionen begünstigen sich gegenseitig.

Allerdings, so betonen die Fachleute, sei es für eine breite Anwendung des neuen Gels noch zu früh. Die Studie sei mehr ein „proof of concept“, als realer Wirkungsnachweis. Auch seien bis zu einem zugelassenen Produkt noch weitere, umfangreichere Tests nötig. In letzter Zeit verringerte sich in kleinen Fortschritten die globale Belastung mit Aids-Viren. Nach neuester Schätzung der WHO lag die Zahl der Neuinfektionen 20008 bei 2,7 Millionen. Dabei war Südafrika am meisten betroffen. Diese Kennziffer betrug Mitte der 1990er Jahre noch etwa 3,5 Millionen. Allerdings gilt diese positive Entwicklung nicht für alle Regionen. In Zentralasien und Osteuropa ist die Situation weitgehend unkontrolliert. Dort gibt es zum Beispiel für Drogensüchtige immer noch keine Aids-Programme und saubere Spritzen. Russland blieb der Wiener Konferenz fern, was für die Kongressteilnehmer unverständlich blieb.

Der Vizepräsident von Südafrika, Kgalema Motlanthe, stellte fest, dass in seinem Land die HIV-Neuerkrankungen erstmals rückläufig sind und alles unternommen werde, die Krankheit weiter einzudämmen. Er befürwortet explizit anerkannte Behandlungsmethoden und macht damit deutlich, dass die Zeit der „unkonventionellen“ Wege Südafrikas in der Aids-Politik endgültig vorbei ist. Vor zehn Jahren war Südafrika auf der Aids-Konferenz, die in Durban stattfand, kritisiert worden. Den Zusammenhang zwischen Hi-Virus und Aids hatte der Ex-Präsident Mbeki in Frage gestellt. Dadurch kam es zu einer verspäteten Behandlung mit wirksamen Aids-Medikamenten. Im Weiteren prangerte Motlanthe die traditionell verwurzelte Ausgrenzung und Stigmatisierung von Menschen mit Aids an.

Es müsse mit den Menschen offen über Drogensucht, Prostitution und Homosexualität diskutiert werden. Nur auf diese Weise könnten soziale Normen zurechtgerückt werden. In einem Beispiel aus KwaZulu-Natal ist es gelungen: In diesem Landesteil wurde nach 200 Jahren die Beschneidung des Mannes wieder eingeführt, weil nämlich bekannt war, dass sich die Ansteckungsrate durch die Beschneidung um 60% reduziere. Mothlanthes Ziel ist, den jeweiligen HIV-Status jedem Südafrikaner wissen zu lassen. 80% der Infizierten sollten Zugang zu den notwendigen Medikamenten erhalten. Aber das sei nur im Team machbar, betonte Motlanthe in Bezug auf Südafrikas Fußball-Weltmeisterschaft.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 28.07.2010 - 17:58 Uhr
Kategorie: Medikamententester News