Ihr Medikamenten Informationsportal
Wissenswertes für Probanden
Kontaktadressen-Liste für Kliniken

Haut kann mittels einer Anlage gezüchtet werden


Es könnte ein Science-Fiction-Film sein: Eine Hautfabrik. Aber es ist Forschern der Fraunhofer-Gesellschaft faktisch gelungen, eine Anlage, in der Haut gezüchtet werden kann, zu entwickeln. So könnten Testverfahren, die für Kosmetika, Arzneien oder Chemikalien notwendig sind, vergleichbarer und günstiger sein und Tierversuche unnötig machen. Die entwickelte Maschine hat eine Länge von sieben Metern, eine Breite und Höhe von je drei Metern. Sie ist mit Glasfenstern versehen, durch sie kann man das Geschehen beobachten: Kleine Roboterärmchen positionieren Petrischalen, können Hautproben anritzen, können mit Hilfe von Enzymen aus der Epidermis (Oberhaut) Zellen lösen. Es können auch Pigment- und Bindegewebszellen gewonnen werden.

Zurzeit dienen als Zelllieferanten noch die Vorhäute von Jungen, die nicht älter als vier Jahre sein sollten, denn dann funktionieren die Zellen schlechter. Das wurde vom Diplomingenieur Andreas Traube erklärt, er arbeitet am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA)Stuttgart als Gruppenleiter für Mechatronik und Prozesstechnik. Hier befindet sich auch die Hautfabrik. Es wird aktiv daran geforscht, Stammzellen als mögliche Zellquelle verwenden zu können. Traube erklärt, dass darauf geachtet werden müsse, dass die Eingangszellen möglichst aus einer einheitlichen Quelle stammen sollten. Nur so lassen sich Abweichungen bei den Hautprodukten verhindern.
Aus den Proben kann man – je nach Spender – drei bis zehn Millionen Zellen lösen. Ihre Anzahl verhundertfacht sich im Brutschrank. Auf Platten für Gewebekulturen, die je aus 24 Röhrchen (Durchmesser ca. 1 cm) bestehen, kann neue Haut auf einer Kollagenschicht wachsen. Die neu entstandene Epidermis  ist dünner als 1 mm. Wenn die Forscher das Kollagen mit Bindegewebszellen mixen, bildet sich sogenannte Vollhaut, sie ist bis zu 5 mm dick. Der gesamte Prozess dauert sechs Wochen. Traube bemerkt dazu, dass auch die Maschine die Dauer nicht beschleunigen könne, weil es von der Biologie so vorgegeben sei.

In der Anlage ist innen alles steril, in den Brutkammern herrscht eine Temperatur von 37 Grad. Bei dieser Wärme könnten auch Bakterien prächtig gedeihen. Die Hautfabrik hat eine Kapazität für mehr als 500 Platten mit je vierundzwanzig Gewebekulturen, die sie gleichzeitig bearbeiten kann. So können monatlich ca. 5000 Hautmodelle von den Wissenschaftlern gezüchtet werden. Allerdings muss die zuständige europäische Behörde das Verfahren erst anerkennen, ehe es verkauft werden kann. Hierfür müssen Vergleichstests beweisen, dass Untersuchungen mit künstlicher Haut dasselbe Ergebnis aufweisen, wie Tests mit tierischer Haut. Traube schätzt zuversichtlich ein, dass in einem dreiviertel Jahr richtig „losgelegt“ werden kann. Vor allem die Industrie soll der Hauptabnehmer sein.

Rolf Hömke vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) kann sich die Hautmodelle bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe gut vorstellen. Er und seine Mitarbeiter können sich gut vorstellen, dass die Zellen in der künstlich hergestellten Haut vergleichbar mit denen in echter Haut sind. Die Hautmodelle sind zwar bisher nur im Kleinen gezüchtet worden, aber die logische Folge wird sein, sie zukünftig im großen Stil zu erstellen. Sie könnten für die Krebsforschung, allergischen Reaktionen, Pigmentstörungen oder Pilzerkrankungen zur Anwendung kommen.

Hömke schätzt aber ein, dass es noch Jahre dauern könnte, bis die Hautmodelle auch für Sicherheitstests zugelassen werden, wie es zum Beispiel für die Zulassung von Arzneien nötig ist. Die Vorgaben sind hier international genormt und die Verfahren lassen sich nicht einfach tauschen.

Gezüchtete Haut ist auch in der Medizin sehr gefragt. Für die Herstellung von sogenannten Hautverbänden – sie sind ca. acht bis zehn Zentimeter groß – sind allerdings zwei Firmen seit Jahren etabliert, wie Ulrike Schwemmer, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für regenerative Medizin (GRM), sagt. Noch breitere Hautlappen werden zum Beispiel bei größeren Brandwunden gebraucht. Ob die Hautfabrik solch große Hautstücke jemals züchten kann, ist für Traube Utopie. Als nächsten ersten Schritt möchte man die Hornhaut (Cornea) des Auges künstlich herstellen können.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 31.12.2011 - 13:07 Uhr
Kategorie: Medikamententester News