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Helfen Nahrungsergänzungsmittel uns tatsächlich?


Auf Nahrungsergänzungsmittel wie zum Beispiel Vitamintabletten greifen in Deutschland viele Menschen zurück. Verbrauchern wird oft eingeredet, dass diese Mittel gut für die Gesundheit und nicht schädlich seien. Aber stimmt das?

Der Markt ist groß und unüberschaubar

Die Werbung über vermeintliche Fakten über den Nutzen der Vitamine ist groß. Man könne sich nur angemessen mit Vitaminen versorgen, indem man zusätzlich Tabletten einnimmt. Beispielsweise für die Knochen Vitamin D, zur Bildung von Abwehrkräften Vitamin C, für Haut und Haare verschiedene B-Vitamine. Zudem könnten Kranke von bestimmten Kapseln profitieren: Beispielsweise bei Herz-Kreislauf-Beschwerden würde Fischöl helfen, bei Depressionen sei Johanniskraut gut, gegen Neurodermitis helfe Nachtkerzenöl und Ginkgo verbessere das Gedächtnis. Der Ernährungsmediziner Hans Hauner (Technische Universität München) sagte laut „web.de“:“Der Markt ist inzwischen groß und unüberschaubar und wachse ständig weiter, bei Vitamin C liege er im zweistelligen Bereich. Die Rendite sei traumhaft. Heute kosteten viele Vitamine in ihrer Herstellung pro Tonne nur ein paar Euro.“

Nahrungsergänzungsmittel werden von drei Viertel der Deutschen eingenommen

Das wird von der Nationalen Verzehrstudie dokumentiert: Drei Viertel der Deutschen nehmen irgendein Nahrungsergänzungsmittel ein. Davon sind die Vitamine A und C, die Mineralstoffe Magnesium und Calcium am häufigsten vertreten. Dagegen einzuwenden wäre nichts – wenn diese Mittel tatsächlich gesund sein würden. Doch Hauner ist der Meinung, dass davon 99 % reiner Voodoo seien. Das heißt, wissenschaftlich belegt sind die Heilsversprechen nicht. Die Behauptung, besonders gut für die Augen seien die Vitamine C, E und Betacarotin, wurde vom Forschungsnetzwerk Cochrane Collaboration am Beispiel Grauer Star überprüft. So eindeutig sei das Urteil ausgefallen, dass jede weitere Forschung überflüssig wurde. An neun Studien nahmen 120.000 Probanden teil. Die Alterserkrankung entwickelte sich bei ihnen genau so oft, egal ob ohne oder mit Tabletten. Es trat durch die Vitamine kein besseres Sehvermögen auf und auch dessen schleichender Verlust konnte nicht gebremst werden.

Bei ungesundem Lebensstil helfen auch Vitaminpräparate nicht

Viele Menschen glauben, Vitamine könnten vor Krebs schützen. Tatsächlich hieß es im Oktober 2012, es sei nach einer Studie der Beleg erbracht, dass das Krebsrisiko mit einer täglichen Multivitamin- Einnahme verringert werden könnte. An der Studie, die bis dreizehn Jahre andauerte, hatten sich ca. 15.000 Ärzte beteiligt. Sie nahmen entweder ein Placebo oder ein Vitamin- Präparat ein. Bei den Probanden, welche die Vitamin-Präparate eingenommen hatten, war die Erkrankungsrate an Krebs geringfügig seltener.

Der Ernährungswissenschaftler und Autor der Studie, Hans Konrad Biesalski (Universität Hohenheim), äußert sich relativierend dazu: „Diese Studie ist die einzige, bei der ein Nutzen von Multivitamintabletten am gesunden Menschen festgestellt wurde. Ob man diesen Effekt auch bestätigen kann, ist jedoch fraglich“. Es hätte sich bei anderen Untersuchungen herausgestellt, dass nur bei Menschen mit Vitaminmangel die Zusatzgaben helfen. Laut Biesalski sei in diesem Fall das Einnehmen der Pillen keine so gute Wahl. Der Experte kommentiert: „ Durch Vitaminpillen wird ein ungesunder Lebensstil nicht gesünder.“

Gefahr vor zu viel Kalzium

Kritisch äußerte sich der emeritierte Professor Edzard Ernst: „Zur Vorbeugung von Herzproblemen und Krebs sind Nahrungsergänzungsmittel nutzlos, auch wenn das von vielen Menschen behauptet wird.“ Edzard Ernst war der Erste, der einen Lehrstuhl für Alternativmedizin bekleidete. Diese Mittel können manchmal sogar gefährlich werden. In einer schwedischen Studie, Anfang 2013 veröffentlicht, zeigte sich folgendes: Bei Frauen, die jeden Tag mehr als 1400mg Kalzium über Nahrung und Ergänzungspräparate eingenommen hatten, erhöhte sich deutlich die Todesrate. Das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, könne sich durch einen übermäßigen Kalzium-Konsum erhöhen.

Ginkgo wird seit Jahrtausenden von Chinesen benutzt

Die Wirkung von Ginkgo ist auch umstritten. Seit Jahrtausenden benutzen die Chinesen dessen Blätter zur Wundheilung. Außerdem soll es bei Demenz hilfreich sein. Für Wunschdenken hält dies jedoch Steven DeKosky. Er ist Gesundheitsforscher an der University of Pennsylvania. Er und sein Team hatten 2008 eine Studie über den „Einfluss von Ginkgo auf den geistigen Abbau“ abgeschlossen – es war die bisher umfangreichste Studie zu diesem Thema - und waren enttäuscht. „Nichts wäre schöner gewesen, wenn so ein billiges und nebenwirkungsfreies Mittel auch geholfen hätte.“ An der Studie hatten 3.069 Probanden über 75 Jahre teilgenommen mit dem Ergebnis, dass trotz täglicher Einnahme von Ginkgo Demenz nicht seltener aufgetreten ist und ein besseres geistiges Befinden war auch nicht feststellbar.

Aber in anderen Studien konnte allerdings ein positiver Effekt des Ginkgo registriert werden, zum Beispiel in solchen des Herstellers Dr. Willmar Schwabe aus Deutschland als Anbieter von Ginkgo-Präparaten. Auch französische Forscher veröffentlichten im Jahre 2010 Studiendaten, die besagen, dass durch Einnehmen von einem bestimmten Ginkgo-Extrakt nach vier Jahren das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, sich fast halbiert habe. Eine Ginkgo-Therapie hält auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) für wirksam, die Dosis sollte bei 240 mg pro Tag liegen.

Bei vielen Nahrungsergänzungsmitteln erfüllen sich die Versprechen nicht

Ihre Gesundheitsversprechen würden viele Mittel nicht halten und eindeutig bewiesen sei deren Wirkung oft auch nicht. Deshalb sei das Urteil „Wissenschaftlich haltlos“ das am häufigsten ausgesprochene der in Parma/Oberitalien beheimateten Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA. Sie überprüft seit 2008 Lebensmittel, für die es Gesundheitsversprechen gibt. Die Hersteller sind verpflichtet, diese Versprechen zu beweisen und zwar in Studien am Menschen. Von ca. 3.000 überprüften Anträgen hätten bisher nur 251 das Gesundheitsversprechen bestanden. Hauer meint: „Wäre die Prüfung härter gewesen, wäre die Durchfallquote höher ausgefallen. Nur die gröbsten Lügen versuche die Behörde abzufangen. Von der EFSA seien Mineralstoffe und Vitamine pauschal, ohne systematischen Test, durchgewinkt worden.

Sonne ist bei Vitamin D besser als Pillen

Die Geister scheiden sich auch bei dem Punkt Vitamin D. Manche sind der Meinung, es sei gut für die Muskeln, Körperabwehrstoffe würden gebildet, es könne vor Krebs oder Diabetes schützen. Ein französischer Forscher bezweifelt aber dessen Wirkung. Er kam mit seinem Team zu dem Ergebnis, dass der Vitamin D-Mangel nicht als Ursache, sondern als Folge bestimmter Erkrankungen anzusehen sei. Es wird von manchen Experten sogar abgeraten, Vitamin D als Pille einzunehmen, da der menschliche Körper in der Lage ist, dieses Vitamin selbst zu bilden, sofern die Sonne auf die Haut scheinen kann. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Helmut Heseker sagt, dass künstliches Vitamin D nur Stubenhockern, dunkelhäutigen und stark verhüllten Personen sowie Menschen ab 65 Jahren helfen könne.

Gesunde und abwechslungsreiche Ernährung ist am besten

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb viele Menschen Nahrungsergänzungsmittel einnehmen. Es scheint für manche bequemer zu sein, statt ihren Lebenswandel zu ändern, Pillen zu sich zu nehmen. Auch könnte der positive Ruf der Mittel eine Rolle spielen. Auch dem Trugschluss „viel hilft viel“ unterliegen viele Verbraucher, sagt Klaus Richter (Bundesinstitut für Risikobewertung) und weiter „außerdem besteht die Gefahr, dass die ausgewogene Balance zwischen den verschiedenen Nährstoffen gestört wird und man sich somit durch künstlich zugeführte Nährstoffe sogar schaden kann.“ Studien hätten ergeben, dass bei hoch dosiertem Betacarotin das Risiko für eine Krebserkrankung angestiegen sei.

Bei den Deutschen liegt Betacarotin im Verbrauch ganz vorn. Die Erkenntnisse der Nationalen Verzehr-Studie gewinnen mit diesem Wissen sogar eine besondere Bedeutung.Risiken birgt auch Zink, wenn es im Übermaß eingenommen wird, denn die Aufnahme von Selen als Spurenelement wird dadurch beeinträchtigt. Richter gibt den Rat an die Verbraucher: am besten wäre gesund und abwechslungsreich zu essen. Zu solchen Mitteln raten die Ärzte nur wenigen Gruppen aus der Bevölkerung.

Schwangerschaft wird durch Fischölkapseln verlängert

Die Nahrung wird auch oft mit Folsäure ergänzt. Zum Beispiel werden Frauen, die sich Kinder wünschen, empfohlen, Folsäure einzunehmen. Sie würde bei der Entwicklung des Nervensystems helfen und einer eventuellen Missbildung (Neuralrohrdefekt) des Kindes vorbeugen. „Aber damit muss schon vor einer Schwangerschaft begonnen werden“, sagt Hauner. „Wenn es erst im zweiten, dritten Monat, wie von den meisten eingenommen wird, dann ist es zu spät.“ Werdende Mütter schlucken alles Mögliche.

Lange Zeit war Fischöl populär, sagt Hauner. Aufgefallen sei in Studien, dass Frauen, die viel Fisch auf ihrem Speisenplan hatten, besonders kluge Kinder bekamen. Der Zusammenhang ist bis heute nicht geklärt. Zu bedenken sei auch, dass die Menschen, die viel Fisch essen, oft über eine gute Bildung verfügen und gesundheitsbewusster leben. Laut Hauners Untersuchungen habe sich nach dem Konsum von Fischkapseln aber eine Verlängerung der Schwangerschaft ergeben. Häufiger musste die Geburt künstlich eingeleitet werden. Das müsste nicht nötig sein.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 24.03.2014 - 19:31 Uhr
Kategorie: Medikamententester News