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Hirnforscher sagen: Wir alle brauchen eine kreative Pause


Psychologen und Hirnforscher wissen es längst: Unser Hirn ist sogar beim Nichtstun aktiv und ist dadurch noch produktiver. Eine wichtige Voraussetzung für Produktivität und Kreativität ist tatsächlich der Müßiggang. Andererseits riskiert derjenige den geistigen Verfall, der den Müßiggang übertreibt. Ein gestecktes Ziel erfordert einen Plan. In vier Stunden sollen 42 Kilometer geschafft werden. Für Marathon-Läufer gibt es dafür genug Anleitungen.

So sieht der Plan vor dem Lauf meistens folgendermaßen aus: 12 km am Dienstag im Tempo-Dauerlauf; 12 km am Donnerstag Dauerlauf langsam; 20 km am Samstag Dauerlauf im sehr langsamen Tempo; 10 km am Sonntag im mittleren Dauerlauf. Der Trainingsplan sieht Montag, Mittwoch, Freitag als Ruhetage vor. Sportlern ist das Prinzip der Regeneration längst bekannt und es funktioniert. Psychologen erklären übereinstimmend, dass durch die Erholung dem Körper die notwendige Zeit gegeben wird, sich den steigenden Anstrengungen anzupassen. Er wird einfach besser, kann seinen Energiespeicher wieder auffüllen und Muskelmasse aufbauen. Auch um unsere geistige Leistungsfähigkeit ist es ähnlich bestellt. Die klassischen Ruhetage einer vollen Arbeitswoche sind Sonnabend und Sonntag.

Aber weil die Leistungsgesellschaft in der heutigen Zeit immer mehr in Hektik verfällt, die die Grenzen zwischen privat und beruflich zunehmend verschwimmen lässt, leiden darunter auch die schöpferischen Phasen zu einer geistigen Regeneration. Doch sie ist für unsere schöpferische Kraft des Denkens unbedingt notwendig. Kreativität gibt es nicht auf Bestellung und es helfen auch keine Zaubertricks. Ernst Pöppel, Kreativitätsforscher und Chef des Instituts für Medizinische Psychologie (IMP) in München ist der Meinung, man könne „lediglich Bedingungen schaffen, um seine eigene Kreativität zu fördern“. Er glaubt an einen „Kreativitätsstau“ in unserer heutigen Gesellschaft. Dieser könne geradezu explodieren, wenn täglich eine Stunde die Büros in allen Institutionen aus dem Kommunikationszwang aussteigen würden. So wie sich die Physis während der Ruhephasen umwälzt, sich Stoffwechsel, Herz und Kreislauf den neuen Aufgaben anpassen, genau solche Bedingungen fördern auch die Kreativität.

Diese braucht Ruhe und Besinnung und nicht Hast und Geschäftigkeit. Es ist bekannt, dass unser Gehirn im Schlaf tagsüber Gelerntes verarbeitet. In zahlreichen Studien konnte nachgewiesen werden, dass sich so manche Probleme nachts lösen lassen, auf die man am Tag einfach nicht gekommen ist. Schlafforscher erklären, dass während des Schlafens überflüssige Nervenverknüpfungen abgebaut werden. Indirekt werden neue Synapsen gefestigt und vom Zwischenspeicher gelangen die frischen Informationen ins Langzeitgedächtnis. Bewusst erlebte Pausen sind aber mindestens genau so wichtig. Der deutsche Kulturwissenschaftler Wolfgang Schneider veröffentliche „Die Enzyklopädie der Faulheit“. Darin sind unter anderen so bedeutende Persönlichkeiten enthalten wie Brecht, Churchill oder Einstein. Für sie alle war eine wesentliche Voraussetzung ihrer Kreativität die Entschleunigung, Müßiggang und sogar Faulheit. Dies kam auch ihrer physischen Gesundheit zugute. Faulheit sei produktiv, vorausgesetzt, sie wird nicht als dumpfe Untätigkeit verstanden. Das Innehalten der Dichter und Denker ist schon seit der Antike ein schöpferischer Quell der Inspiration.

Das Nichtstun ist aus Sicht der Hirnforscher keinesfalls eine Phase nervlicher Inaktivität. Beobachtungen verschiedener Neurowissenschaftler führten zu einem sog. “Leerlauf-Modus“ im Gehirn. Der Sauerstoff- und Energieverbrauch im Hirn wird mit Hilfe der Magnetresonanztomografie gemessen. Von Probanden wurde verlangt, möglichst an nichts Bestimmtes weiter zu denken und nichts zu tun. Dabei wurde eine besonders hohe Aktivität eines bestimmten Netzwerkes von Regionen im Hirn festgestellt. Der Leerlauf-Modus wird von Experten „Default Mode“ benannt. Hirnforscher vermuten, dass beim „Default Mode“ ähnlich wie beim Schlafen das Gehirn derart aktiv sei, gerade Erlebtes und Erlerntes zu vertiefen und entsprechend die Synapsen neu zu ordnen. Die Frage stellt sich, ob es ein zu viel des Müßiggangs gibt, ob Faulsein, Nichtstun und Innehalten etwa schädlich sein könnten? In der heutigen Gesellschaft ist auch das ein Dauerbrenner-Thema, denn immer mehr psychisch Kranke bzw. Bum-out Geplagte bringt die sogenannte Work-around-the-clock-Generation hervor.

Hier wird durch viel Stress und wenig Erholung die geistige Leistungsfähigkeit zum Erliegen gebracht. Andererseits wird eine schleichende Verdummung derjenigen Menschen befürchtet, deren Hauptbeschäftigung im Dauerfernsehen besteht und die nichts arbeiten, weil sie keine Arbeit haben oder aber nicht haben wollen. Diese Menschen gelten als einfallslos und unproduktiv, da sie nur vor dem Computer oder Fernseher sitzen und auch sonst keine Hobbys haben. Derartige Thesen werden von der Hirnforschung vergangener Jahre in ihren Ergebnissen untermauert. Eine Studie zeigte bereits Ende der neunziger Jahre, dass das Risiko für Alzheimer-Erkrankungen bei älteren Probanden mit mehr Bildungsjahren deutlich geringer war als bei solchen mit kürzeren Ausbildungszeiten. Diese Studie wurde von Forschern vom Luke´s Medical Center, Chicago veröffentlicht. Darin wird davon ausgegangen, dass sich in einem ständig geforderten Hirn die Anzahl neuronaler Verknüpfung erhöht.

Das bewirkt die längere Aufrechterhaltung der kognitiven Reserven unseres Gehirns. 2003 wurde von einem Forscherteam des Rush University Medical Center, Chicago, 130 Gehirne untersucht. Diese wurden für Forschungszwecke von katholischen Nonnen und Priestern nach ihrem Tod gespendet. Die Neurowissenschaftler fanden zwar keinen Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau der Spender und den Proteinablagerungen, der gefährlichen Plaques, die in Verdacht stehen, Alzheimer auszulösen. Die Wissenschaftler hatten allerdings die Probanden jahrelang begleitet und ständig ihre geistige Leistungsfähigkeit getestet. Auch hier zeigte sich, dass bei höherem Bildungsgrad die Probanden länger geistig fit blieben. Die Alzheimer-Erkrankung brach bei denjenigen mit höherer Bildung erst nach einer ungefähr fünffachen gebildeten Plaques-Menge im Hirn aus gegenüber weniger gebildeteten. Robert Wilson, damaliger Studienleiter schlussfolgerte, dass offensichtlich geistige Aktivität dem Gehirn hilft, dass Ausbilden von Plaques besser zu tolerieren.

In diesem Jahr wurde diese Annahme in einer britisch-finnischen Studie bestätigt. In der Fachzeitschrift „Brain“ wurde eine Analyse von Carol Brayne, Cambridge University und seinem Team veröffentlicht. Bei der Analyse von 872 Gehirnen Verstorbener konnte belegt werden, dass jedes zusätzliche Ausbildungsjahr das Risiko von Alzheimer-Erkrankung um 11% senken kann. Die bessere Bildung habe zwar keinen Einfluss auf schädliche Hirnveränderungen, aber gebildetere Menschen könnten die Effekte besser ausgleichen, stellten die Wissenschaftler fest. Epidemiologische Studien beweisen, dass bei Menschen, die sich weder körperlich noch geistig betätigen und nur vor Fernseher oder Computer sitzen, das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, höher ist. In seiner Freizeit sollte man Sport treiben, ein Instrument spielen, Bücher lesen, Fremdsprachen lernen oder sein Hobby pflegen. Auf keinen Fall sollte man die Ruhetage vergessen. Der Marathonläufer tut es in seiner Trainingsvorbereitung auch. Das ist die Schlussfolgerung, die die umfangreichen Forschungen zu diesem Thema der vergangenen Jahre aufweist. Es fällt nicht immer leicht, sie in die Tat umzusetzen.


Von: Stefan Lübker
Veröffentlicht am: 04.08.2010 - 00:00 Uhr
Kategorie: Medikamententester News