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Höhere Sterbewahrscheinlichkeit durch das Herz-Medikament Digitalis


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In einer aktuellen Studie am Universitätsklinikum Frankfurt kommen Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass bei Patienten, deren Herzprobleme mit Digitalis behandelt wurden, die Sterblichkeit sich deutlich erhöhte. Unter Umständen birgt Digitalis ein bisher unterschätztes Risiko. Im Journal „European Heart Journal“ berichten Prof. Dr. Stefan Hohnloser und sein Team von der Erkenntnis, dass bei Patienten, die unter Herzschwäche oder Vorhofflimmern litten und Digitalis eingenommen hatten, die Sterbewahrscheinlichkeit wesentlich erhöht war.

Die Wissenschaftler schreiben jedoch, die Erkenntnisse seien widersprüchlich darüber, ob bei Patienten mit Herzproblemen das Medikament Digitalis die Mortalität tatsächlich erhöht. Aber in der aktuellen Metastudie, die bislang umfangreichste zum Thema Digitalis, ist das Ergebnis für die Forscher eindeutig klar: Die Sterblichkeit bei den betroffenen Patienten ist tatsächlich erhöht, werden sie mit Digitalis behandelt. Für Patienten mit Vorhofflimmern gelte dies besonders.

In der Medizin wird Digitalis (ein Extrakt aus der Fingerhutpflanze) seit Jahrhunderten eingesetzt. Auch heute noch wird das Pflanzenextrakt eingesetzt, wenn Patienten einen irregulären Herzrhythmus als Folge von Vorhofflimmern haben oder unter einer Herzschwäche leiden. Laut Angaben der Forscher ist der Spielraum zur effektiven und unbedenklichen Dosierung von Digitalis sehr eng, was bei der Anwendung mitunter erhebliche Probleme hervorruft. Bei einer zu hohen Dosierung können schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten. Bekannt sind außerdem zahlreichende Wechselwirkungen zwischen Digitalis und anderen Arzneimitteln. Hohnloser und seine Kollegen empfehlen daher regelmäßige Blutuntersuchungen, um die Konzentration von Digitalis im Blut zu bestimmen.

Die Wissenschaftler vom Universitätsklinikum Frankfurt berücksichtigten in ihrer aktuellen Metaanalyse alle publizierten Studien zu dem gleichen Thema aus den Jahren 1993 bis 2014. Zum Schluss identifizierten sie 19 relevante Studien, die Daten von 326.426 Patienten enthielten, davon 235.047 mit Vorhofflimmern und 91.379 mit Herzinsuffizienz. Folgendes Ergebnis stellten die Wissenschaftler fest: Bei mit Digitalis behandelten Patienten lag das Sterblichkeitsrisiko vergleichsweise um 21 % höher als bei den Patienten ohne Digitalis-Behandlung. Digitalis sei bei einer detaillierteren Betrachtung von zwei Gruppen der Patienten mit Herzinsuffizienz bzw. mit Vorhofflimmern mit einer 14%igen bzw. 29%igen Risikoerhöhung einhergegangen.

Digitalis hat in Therapieempfehlungen von Europa und den USA bis zur heutigen Zeit einen Platz bei der Behandlung des Vorhofflimmerns und der Herzinsuffizienz. Die Forscher aus Frankfurt schätzen allerdings ein, dass diese Empfehlungen nur die hochgradig unbefriedigenden Ergebnisse des Einsatzes von Digitalis widergeben. Hohnloser und seine Kollegen bemängeln das Fehlen „randomisierter kontrollierter Studien mit Digitalis zum Nachweis der Sicherheit und Effektivität dieser Medikation.“ Bis neuere Studien vorliegen, sollte ihrer Ansicht nach Digitalis nur äußerst zurückhaltend angewandt werden. Außerdem wäre ein sorgfältiges Monitoring der Patienten notwendig, eine Bestimmung der Plasma-Digitalis-Konzentration inklusive. Prof. Hohnloser vertritt die Meinung, dass die Epoche der Therapie mit Digitalis vorüber sei, besonders als Medikament zur Herzfrequenz-Kontrolle bei Vorhofflimmern. Allerdings benötige diese Hypothese noch eine Überprüfung in entsprechenden Studien.

Zugelassen sind in Deutschland sechs Medikamente, die das Digitalis-Derivat Digoxin enthalten, wird von der Nachrichtenagentur „dpa“ berichtet. Sie beruft sich dabei auf das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Außerdem sei ein Präparat mit der Variante Digitoxin erhältlich, es bilde ebenfalls ein Digitalis-Derivat, so Prof. Hohnloser. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) überprüfe gegenwärtig die Risiken des Wirkstoffs, so ein Sprecher des BfArM gegenüber der „dpa“. Sobald das Verfahren zur Risikobewertung abgeschlossen ist und die Ergebnisse feststehen, sind Informationen über mögliche Sicherheitsmaßnahmen vom BfArM zu erwarten. Einiges sei jedoch zu einzelnen Risiken bereits bekannt: Zum Beispiel bestehe eine äußerst gefährliche Wechselwirkung zwischen dem Herzmedikament Dronedaron und Digoxin. Auf diese Gefahr werde in Fachinformationen hingewiesen. Dieses Risiko sollte Ärzten selbstverständlich bekannt sein und Berücksichtigung bei der Patientenbehandlung finden. Laut Angaben der „dpa“ wurden dem BfArM seit 1978 20 Verdachtsfälle über Wechselwirkungen gemeldet, darunter war auch ein Todesfall.

Unter Berufung auf die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie meldet die „dpa“, trotz möglicher Risiken die Digitalis-Medikamente nicht eigenmächtig abzusetzen. Von der Nachrichtenagentur wird hierzu Stephan Willems (Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg) mit der Stellungnahme zitiert, dass die betroffenen Patienten sich mit ihrem Arzt besprechen sollten, wie sinnvoll es sei, Digitalis-Medikamente weiter einzunehmen. Verschiedene Alternativen gebe es hierzu durchaus. Die aktuelle Studie sollte laut Willems jedenfalls ein Denkanstoß sein – für Ärzte und für Patienten. Wenn Patienten gut eingestellt sind, sei ein Medikamentenwechsel nicht zwangsweise erforderlich. Aber mit Sicherheit kann man sagen, so Willems von der „dpa“ zitiert, dass es heutzutage nicht mehr sinnvoll sei, neue Patienten mit Digitalis zu behandeln.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 29.05.2015 - 20:51 Uhr
Kategorie: Medikamententester News