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Lebensmittelallergie z.B. duch Nüsse, Milcheiweiß, Zusatzstoffe


Etwa 30% der Menschen glauben, unter einer Lebensmittelallergie zu leiden, sagt der Allergologe Prof. Tilo Biedermann. Tatsächlich haben aber nur ein bis vier Prozent der Menschen eine Allergie durch Lebensmittel. Ist es häufig nur Einbildung? Immer mehr Lebensmittel stehen unter Verdacht – wie Milcheiweiß, Nüsse, Gluten – Unverträglichkeiten und Allergien auszulösen.

Auf die Frage an Prof. Biedermann, ob es tatsächlich so ist, dass Allergien und andere Unverträglichkeiten von Nahrungsmitteln zunehmen, antwortet er: „ Von epidemiologischen Studien wissen wir, dass Allergien gerade in den westlichen industrialisierten Ländern zunehmen. Sie nehmen tatsächlich zu, es ist nicht nur ein Eindruck. Kaum valide Zahlen gibt es hingegen für die nicht-allergischen Unverträglichkeiten. Die Wahrnehmung der Menschen hat auch mit einer „gefühlten“ Zunahme zu tun, es ist heute eine hohe Sensibilisierung in diesem Themen-Bereich vorhanden.“

Prof. Biedermann wird gefragt, woher das kommt und was heute anders als früher ist. Er sagt, dass gerade das Thema „Lebensmittelunverträglichkeiten“ sehr präsent ist. Hinzu kommen die sogenannten Intoleranzen – z.B. die Laktose-Intoleranz, die neben den Allergien eine Rolle spielen. So werden in Supermärkten vielfach laktosefreie Produkte angeboten, was auch gut für die Betroffenen ist. Das hat aber zur Folge, das Thema erheblich überzustrapazieren. Auch das Internet setzt sich in etlichen Seiten mit diesem Thema auseinander. Die Produkte werden stark angepriesen, die Sensibilität in der Bevölkerung ist dafür hoch. Folglich entsteht der allgemeine Eindruck, dass Gluten oder Laktose gesundheitsgefährdend und „schlecht“ seien. Völliger Unsinn ist z.B. der Satz: „ Vorsichtshalber ernähre ich mich laktosefrei“.

Auf die Frage, woher unser Misstrauen gegenüber unserem Essen kommt, antwortet Prof Biedermann, dass es sicher häufig vorkommt, dass dem Essen die Schuld gegeben wird, wenn es einem nicht gut geht. Hat jemand Kopfschmerzen, hat er sicher auch vorher irgendetwas gegessen. Aber nicht am Nahrungsmittel muss deshalb die Ursache liegen. Bei jedem Symptom ist es letztlich so. Derzeit sind Lebensmittel „en vogue“. Lieber als mit anderen Dingen beschäftigen wir uns mit diesem Thema. Alles auf ein Nahrungsmittel zu schieben ist einfacher als vielleicht Eheprobleme dafür verantwortlich zu machen. Auch kann manchmal hinter den Symptomen eine Infektionskrankheit stecken, aber es wird dem Essen zugedacht.

Betrachtet man das Ganze einmal evolutionär: Früher mussten wir als Jäger und Sammler sehr gut unterscheiden zwischen dem, was essbar war und was nicht. Was Geschmäcker und Nahrungsmittel angeht, haben wir deshalb ein intensives Gedächtnis erlangt. Geht es uns nicht gut, fragen wir uns, ob wir vielleicht „etwas Falsches“ gegessen haben. Um uns zu schützen, wird dann das verdächtige Lebensmittel von uns in die Liste der nicht mehr essbaren Nahrungsmittel aufgenommen. Prof. Biedermann glaubt, dass all diese Dinge eine Rolle dabei spielen, wenn Intoleranzen gegen Lebensmittel und deren Allergien schnell für viele Menschen in den Mittelpunkt rücken. Sehr hoch ist die Anzahl der Menschen, welche glauben, an einem dieser Phänomene zu leiden. Bis zu 30% haben bei einer Umfrage angegeben, eine Allergie gegen bestimmte Nahrungsmittel zu haben. Werden diese Personen dann getestet, bleiben für eine tatsächliche Allergie nur noch ein bis vier Prozent von ihnen übrig.

Weiter wird Prof. Biedermann gefragt, ob auch bei dieser Entwicklung das Internet eine Rolle spiele. Darauf antwortet er folgendes: Heute kann fast jeder googeln, was sich im Vergleich zu vor 20 Jahren enorm geändert hat. Hat der Patient Beschwerden, sucht u.a. im Internet nach einer Antwort. Da er aber meist Laie ist, kann er die Wahrheit nicht von der Unwahrheit unterscheiden. Hunderttausende Klicks gibt es zum Beispiel bei dem Begriff Histamin-Intoleranz. Letztendlich geht das Ganze auf einen einzigen Autor zurück, der dieses Krankheitsbild definiert und beschrieben hat. Viele Patienten kommen zu uns und behaupten, dass sie eine Histamin-Intoleranz haben. Werden bei den Patienten Provokationstests durchgeführt, so wird diese Diagnose in sehr vielen Fällen nicht bestätigt. Das trifft auch auf andere Krankheitsbilder zu. Sicher ist die Histamin-Intoleranz ein gutes Beispiel für eine „Interneterkrankung“.

Auf die Frage, ob Nahrungsmittelallergien und deren Tests in der heutigen Zeit ein gutes Geschäft sind, antwortet Prof. Biedermann: Er stimme der Frage zu, zumal wenn man bemerkt, wie viele Ernährungsinstitute und –Beratungspraxen gegründet werden. Doch sind nicht alle Einrichtungen seriös. Es gibt zum Beispiel Heilpraktiker, der bei jedem Patienten eine Nahrungsmittelallergie diagnostiziert. Auch manche Laboratorien führen völlig sinnlose und teure IgG- oder IgG4-Bestimmungen gegenüber Nahrungsmittel durch. Einen ganzen Ordner von Testergebnisse zeigen nicht wenige Patienten vor, wenn sie zu ihm kommen. Da haben die Patienten oft mehrere tausend Euro, die da zusammengekommen sind, in der Regel selbst bezahlt.

Zum Schluss gibt Prof Biedermann auf die Frage, was man tun soll, wenn man glaubt, eine Nahrungsmittelallergie zu haben, folgenden Rat: In einer Art Tagebuch sollte man alle Symptome sammeln und aufschreiben. Dann zu einem Spezialisten – einem Allergologen gehen und auf eigene Schlüsse verzichten. Auch sollte man keine im Verdacht stehenden Lebensmittel eigenmächtig vom Verzehr ausschließen.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 27.10.2010 - 22:15 Uhr
Kategorie: Medikamententester News