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Medikamentenmangel: Plötzlich sind wichtige Arzneimittel nicht mehr lieferbar


In der Schweiz existiert eine Liste mit 352 nicht mehr lieferbaren Medikamenten. Das ist die derzeit umfassendste Engpassliste. Seit Einführung der Liste im September 2015 sei die Zahl noch nie so hoch gewesen.

Im April und Mai setzten den Allergikern starke Winde und intensiver Pollenflug besonders zu. Dadurch stieg die Nachfrage nach Heuschnupfen - Medikamenten sprunghaft an. Dies hatte zur Folge, dass einige Präparate nicht mehr geliefert werden konnten. Teilweise sind sie es bis heute noch nicht.

Das betrifft etwa den Wirkstoff Fexofenadin , so das SRF - Konsumentenmagazin „Espresso“. Teilweise ist dieser aber wieder erhältlich. Jedoch sind derzeit drei weitere Heuschnupfenmittel nicht lieferbar. Wie Recherchen ergeben, gilt dies auch für einen Nasenspray und für zwei Augenmittel.

Gerade für Heuschnupfen-Geplagte ist der Engpass ärgerlich, ist aber letztlich nur einer von vielen. Laut Aussage von Spitalapotheker Enea Martinelli sei die Zahl der derzeit nicht lieferbaren 352 Medikamente noch nie so hoch gewesen seit Einführung der Engpassliste im September 2015. Der Apotheker hat die Liste auf eigene Faust erstellt. Sie ist unter drugshortage.ch öffentlich zugänglich. Ausgelöst wurde das Ganze durch den Frust über die Pharmafirmen, die ihre Lieferschwierigkeiten erst sehr spät meldeten oder ganz verschwiegen.

Martinelli, er arbeitet für die Spitalgruppe Frutingen, Meiringen, Interlaken beabsichtigte die Hersteller mit seiner Liste bewusst zu provozieren. Dies ist zumindest teilweise gelungen. Acht Pharmafirmen erfassen inzwischen ihre Engpässe selber. Dazu gehören namhafte Unternehmen wie die Novartis-Tochter Sandoz, GSK oder Pfizer.

Komplizierte Umstellung

Für Apotheker und Spitäler verursachen ausbleibende Medikamente einen großen Mehraufwand. Denn so viele Auswahlmöglichkeiten wie bei den Heu-schnupfen-Medikamenten gibt es längst nicht immer. Als Beispiel sei das Herzmittel Isoptin genannt. Gegen plötzliche Schmerzen in der Herzgegend oder auch Vorhofflimmern wird dieses Präparat eingesetzt. Anfang des Jahres setzte der Lieferengpass ein, zunehmend mehr Packungsgrößen waren betroffen.

Martinelli betont, dass Isopin bereits eine Alternative für ein anderes Medikament sei, es gebe keine Generika mehr. Behandelnde Ärzte haben es daher besonders schwer, andere einsetzbare Präparate zu finden. Wurde ein alternatives Mittel gefunden, muss man den Patient erst auf das neue Präparat einstellen. Dafür seien wöchentliche, später zweiwöchentliche Arztbesuche erforderlich. Mehrkosten sind die Folge.

Außer Martinelli stellt auch der Bund eine Zunahme der Engpässe fest. Deshalb hat er 2015 eine Meldepflicht eingeführt. Pharmafirmen müssen somit diverse, nicht zu liefernde Präparate melden. Die Liste des Bundes enthält allerdings nur lebenswichtige Medikamente. Dazu zählen schwergewichtig Antibiotika, Chemotherapien, Impfstoffe und starke Schmerzmittel wie Morphin.

Die Zahl der gemeldeten Engpässe hat im vergangenen Jahr von 51 auf 77 stark zugenommen. Das zeigt der Jahresbericht des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL). Die Pflichtlager wurden in 17 Fällen angezapft. Ein Engpass dauert im Schnitt mehr als vier Monate. Am stärksten betroffen sind Antibiotika und Impfstoffe, etwa zwei Drittel aller Engpässe beim Bund.

Dies kann problematisch sein, sollten Ärzte auf andere Medikamente auswei-chen müssen. Alternative Präparate etwa bei den Antibiotika können breiter wirken, so Martinelli. Damit ergibt sich die Frage, ob bei den Patienten Resistenzen zurückbleiben. Das ist vor allem dann bei einer länger erforderlichen Einnahmedauer der Breitbandantibiotika gefährlich.

Die Liste des Bundes ist für die Spitäler zwar eine Hilfe, aber sie ist nicht umfassend genug. Es sei zwar wichtig zu wissen, was für lebenswichtige Medikamente fehlen, es ist aber ungenügend für den Spitalalltag, so Martinelli. Herbert Plagge als Leiter Pharmalogistik in der Spital-Pharmazie am Unispital Basel meint, dass die Meldepflicht ein Schritt in die richtige Richtung sei. Jedoch führt man auch dort eine eigene, weiterführende Liste mit Engpässen. Die Anzahl betroffener Medikamente schwanke zwischen 250 und 280. Die ersten fünf Monate dieses Jahres haben zu einer Zunahme geführt, so Plagge.

Engpass durch Explosion

Um die Anzahl meldepflichtiger Arzneimittel möglichst klein zu halten, hat die Pharmaindustrie laut Branchenkennern Druck auf das BWL ausgeübt. Die Hersteller befürchteten einen zu großen Aufwand, hätten sie dem Bund allzu viele Medikamente melden müssen. Das BWL habe eine Abwägung zwischen den Interessen veranlasst, so Ueli Haudenschild, Leiter der Geschäftsstellen Ernährung und Heilmittel. Der Wunsch der Spitalapotheker wäre eine möglichst umfassende Liste, die Pharmafirmen befürchten jedoch eine zu große Belastung.

Es gibt vielfältige Gründe für die zahlreichen Engpässe. Die tiefe Rentabilität der betroffenen, meist schon älteren Medikamente ist in vielen Fällen der Ur-sprung. Läuft das Patent ab, erscheinen Generika auf dem Markt. Die Folge sind massive Preissenkungen, auch begründet durch staatliche Vorgaben.

Dies führte zu einer Konsolidierung unter den Pharmafirmen. Folglich werden diverse Medikamente nur noch von wenigen Firmen hergestellt. Aufgrund tiefer Rendite geben gewisse Firmen die Produktion einzelner Arzneimittel schlicht auf. Weiter kommt erschwerend hinzu, dass viele Unternehmen die Wirkstoffe ihrer Medikamente von Dritten beziehen, anstatt sie wie bisher selbst herzustellen. In bestimmten Fällen, etwa bei Antibiotika, beziehen die Hersteller ihre Wirkstoffe vom gleichen Anbieter, so Plagge vom Unispital Basel. Fällt dieser aus, entsteht weltweit rasch ein Engpass.

In einer Wirkstofffabrik in China kam es 2016 zu einer Explosion. Sie war weltweit der einzige Lieferant an Hersteller eines Antibiotikums. So kam es auch in der Schweiz zu einem Engpass. Selbst bei Ausfall nur eines Herstellers kann dies oft einen Dominoeffekt zur Folge haben. Da die übriggebliebenen Pharmafirmen die Nachfrage nicht mehr decken können, kann es auch bei ihnen zu einem Engpass kommen. Aufgrund des Kostendrucks sind die Produktionskapazitäten knapp bemessen. Der Ausstoß eines Medikamentes kann daher nicht ohne weiteres hochgefahren werden.

Bund und Spitäler reagieren

Auch Naturkatastrophen können Auslöser eines Engpasses sein wie beispielsweise der Hurrikan Maria, der im vergangenen September die Karibik heimsuchte. Die US-Karibikinsel Puerto Rico war ebenfalls stark betroffen. Dort produziert eine Vielzahl an amerikanischen und internationalen Pharmafirmen. Der Hurrikan hatte den knapp 50 Werken großen Schaden zugefügt. Die Folge war in den USA ein großer Mangel an Infusionsbeuteln mit Kochsalzlösung, die zur Verdünnung und Verabreichung von Medikamenten benötigt werden. Außerdem kam es zum Engpass eines Anästhetikums, das Frauen während der Geburt verabreicht wird.

Mit einem baldigen Ende der Engpässe in der Schweiz wird nicht gerechnet. Das Unispital Basel beginnt mit der Erhöhung der Lagerbestände kritischer Medikamente. Die Bestände sollen den durchschnittlichen Bedarf von drei bis vier Wochen abdecken, so Spitalapotheker Plagge. Ein genereller Ausbau des Lagers ist vorerst nicht möglich. Es fehlt dem Unispital an Platz und Geld.

Vom Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung wird der Ausbau gewisser Pflichtlager geprüft. Bei den Antibiotika ist dies bereits geschehen. Auch für Impfstoffe wurde damit begonnen, Pflichtlager aufzubauen, so Haudenschild vom BWL. Immer wieder müssen die Lager jedoch angezapft werden, was den Aufbau erschwert. Der durchschnittliche Verbrauch von Impfstoffen soll während viereinhalb Monaten abgedeckt werden können. Es ist das Ziel, diesen Bestand bis Ende 2019 zu erreichen. Das BWL prüft zudem, das Lager für Antibiotika so zu erhöhen, dass der Bestand vier anstatt drei Monate ausreicht.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 29.06.2018 - 21:59 Uhr
Kategorie: Medikamententester News

 

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