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Neue Erkenntnisse über das Meditieren - Yogi Prahlad Jani


Die Aussage eines indischen Yogis, seit Jahrzehnten keine Nahrung zu sich genommen zu haben und auch nichts trinken zu müssen, ist bis heute ein wissenschaftliches Rätsel. Bisher ist bekannt, dass durch Yoga-Übungen Stress besser bewältigt, Angststörungen und der altersbedingte Abbau des Gehirns gebremst werden. Messbar kann die Großhirnrinde kräftiger werden. Der Neurologe Sudhir Shah , tätig in einer Klinik Ahmedabad (Westindien), ist ratlos. Er und seine Mitarbeiter haben zwei Wochen lang den Yogi Prahlad Jani (83 Jahre) untersucht und rund um die Uhr überwacht. Während dieser Zeit hat Prahlad Jani weder Essen zu sich genommen noch getrunken und trotzdem überlebt. Sein gemessener Stoffwechsel war gleich null, ausgeschieden hat er auch nichts.

Es fällt schwer, die Behauptung zu glauben, dass Jani seit bereits über 70 Jahren nichts mehr zu sich genommen habe und er ausschließlich von der Energie lebe, die er von seinen Yoga-Übungen, der Meditation und von der hinduistischen Göttin Durga Amba erhalte. Der Hungerkünstler von Franz Kafka würde blass werden, wenn er von der Geschichte erfahren hätte. Auch er nahm keine Nahrung mehr zu sich, schrumpfte aber zusammen und verschwand zwischen den Halmen seines Strohsitzes. Jani dagegen lebt, er ist dürr und in guter Verfassung. Zu Janis Askese existiert noch kein wissenschaftlicher Zugang. Aber über den Gehirnzustand von Yogis und erfahrenen Meditierenden wissen die Forscher bereits etwas mehr, das sich auch nachweisen lässt.

Am Bender Institute of Neuroimaging der Universität Gießen forscht der Psychologe Ulrich Ott über Meditationen, z. B. zur Meditation der „Achtsamkeit“. Die Grundformel dieser Meditation lautet, dass alle Erscheinungen im Äußeren und Inneren gleichmütig wahrgenommen und akzeptiert werden. Begründet wurde diese Methode der Verhaltensforscher durch Jon Kabat-Zinn. Das Motto seines Trainings lautet „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“. Neben den klassischen Übungen der Meditation laufen außerdem Übungen zur Achtsamkeitssteigerung im Alltag, zum Beispiel beim Zähneputzen oder Essen. Das klingt zwar etwas nach Esoterik, wird aber wissenschaftlich erforscht. Ott meint, dass Meditation „angewandte Neurowissenschaft“ sei. Es geht bei dieser Forschung weder um exotische Phänomene – etwa einem Schweben über dem Boden oder Darbietungen von indischen Hungerkünstlern, sondern diese Forschung soll Menschen helfen, im Alltag mehr Selbstbestimmung und Zufriedenheit aufzubauen.

Die Veränderungen, die meditativ angeregt werden, lösen nicht nur subjektive Wahrnehmungen aus, sondern sie können auch Blutdruck, Herzfrequenz sowie den Sauerstoffverbrauch vermindern. Das haben frühere Studien bereits belegt. Im Fokus der Forschung steht neben der körperlichen Entspannung jetzt mehr die Wirkung von Meditation auf die Gehirnfunktionen und -struktur im Vordergrund. An der Universität Pennsylvania fand die Psychologin Amishi Jha zum Beispiel heraus, dass im Gehirn durch Meditationsübungen ein Training der verschiedenen Aufmerksamkeitsnetzwerke stattfindet. Bei den Probanden, die im Meditieren schon Übung hatten, wurde beim Ausblenden der ablenkenden Reize ein besseres Potenzial festgestellt, als bei den ungeübten Probanden. Der sogenannte cinguläre Kortex, der sich im Stirnlappen des Großhirns befindet, spielt hier im Wesentlichen eine Rolle. Diese Region kann man durch wiederholtes Üben trainieren.

An der Universität Gießen zeigten Tests mit dem Kernspintomografen an, dass bei geübten Meditierenden in dieser Gehirnregion eine stärkere Aktivierung auftrat als bei den ungeübten. In einer interessanten Studie von 2005 untersuchte die Harvardforscherin Sara Lazar mit ihren Kollegen 20 Meditierende mit Erfahrung. Bei ihnen wurde eine Gehirnrinde entdeckt, die im Vergleich zu anderen Personen um bis zu fünf Prozent dicker war. Die Wissenschaftler entdeckten in deren Gehirnregionen für Wahrnehmungen der Aufmerksamkeit und der Sinne eindeutig mehr Nervenschaltungen. Besonders deutlich waren die Ergebnisse bei den Probanden zu erkennen, die schon älter waren. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass eine regelmäßig durchgeführte traditionelle Meditation im Alter einer Verschlechterung des körperlichen und seelischen Zustandes entgegenwirkt.

Es kann sein, dass durch Meditieren die Ausdünnung der Hirnrinde bei älteren Personen gebremst oder verhindert wird, meint Ott. Man kann auch sagen „Use it or lose it“ (gebrauche es oder verliere es). Ist Meditieren gar ein Schutzwall gegen Demenz? Viele Fragen sind noch offen. Was passiert im Gehirn des Meditierenden bei seiner In-sich-selbst-Versenkung? Wie ist die Wirkung der Meditation bei Angst, Depression, Stress und Alterseffekten zu erklären? Wie kommt es, dass sich die Hirnstruktur verändert und eine verbesserte Konzentration, Geduld, Gesundheit und Empathie auslöst? Professor Andreas Michalsen von der Charité in Berlin, für klinische Naturheilkunde zuständig, sagt, dass die Meditationstechnik eine weniger große Rolle spielt, egal, welche Technik angewendet wird, ob ein Mantra oder etwas anderes. Er vergleicht Meditation mit der Reset-Taste eines Computers, die zuständig sei für Gesundheit und Veränderung des Lebensstiles.

Der Professor meditiert selbst regelmäßig jeden Tag 10 bis 30 Minuten. Auf die Regelmäßigkeit legt er großen Wert, sie ist ihm so wichtig wie zum Beispiel das Zähneputzen. Unser Gehirn ist bei jeder Tätigkeit aktiv. Je öfter Tätigkeiten ausgeführt werden, desto leichter wird die Aufgabe bewältigt. Die dafür zuständigen Strukturen im Gehirn verändern sich durch Wiederholungen. Die Konzentration der grauen Substanz hängt offenbar mit der Länge der Meditationszeit zusammen. Ein ungeübter Yogi kann selbst kleinste Sinneseindrücke nicht ausschalten, sie lösen im Gehirn ganze Ketten von Gedanken aus, er ist an seine Grenzen gestoßen. Diesen Automatismus auszuschalten erlernen Meditierende durch Training. Sie sind danach in der Lage, einen Reiz und die Reaktion dazu auseinander zu halten.

Das Feuerwerk der Gedanken kann bei depressiven Personen eine besondere Dynamik auslösen – sie grübeln ständig über sich selbst oder über ein Problem und ihre eigene Unzulänglichkeit. Dieser quälende Zustand ist für die Betroffenen beinahe unerträglich. Diesem Horrorkreislauf können die Betroffenen mit achtsamer Aufmerksamkeit entgegenwirken. Mit diesem Achtsamkeitstraining wurde bei Depressiven eine Rückfallquote von bis zu 50% erzielt. Durch Meditation scheint auch das Immunsystem gestärkt zu werden. Auch ist die Grundeinstellung der Meditierenden positiv ausgerichtet. Der Psychologe Ott erklärt, dass bei positiven Emotionen die Aktivität der linken Seite des Hirns verstärkt ist, erkennbar in Hirnstromkurven. Hier wurde ein Zusammenhang zwischen der linken Hirnaktivität und einer verbesserten Immunreaktion festgestellt.

In vorangegangenen wissenschaftlichen Studien über Meditation ist deren positive Wirkung bewiesen worden. Sie wurde angewandt bei der Schmerzbekämpfung, Ängsten, hohem Blutdruck, Arteriosklerose, bei Beschwerden des Herz- Kreislauf-Systems. Sogar zur Vorbeugung gegen Krebs wurde sie schon erfolgreich angewandt. Julie Brefscynski-Lewis und seine Kollegen von der Universität Wisconsin untersuchten in einer Studie mit 16 meditierenden Testteilnehmern die langfristigen Auswirkungen von Übungen in Mitgefühl und Empathievermögen. Mittels funktioneller Kernspintomografie wurden die Ergebnisse ausgewertet. Nachdem die Meditierenden verschiedenen Gefühle weckenden Geräuschen – zum Beispiel Lachen, Schreien oder Weinen ausgesetzt waren wurden die Ergebnisse mit anderen Kontrollpersonen verglichen.

Bei den Meditierenden konnte eine verstärkte Aktivierung der Hirnregionen für Emotionen festgestellt werden. Das war besonders dann verstärkt, wenn es den Probanden gelang, den gewünschten Gefühlszustand zu realisieren. Auch die Geräusche, die Leid ausdrückten, wie Schreie oder Weinen und damit Mitgefühl auslösen, verstärkten die Reaktionen. Ott meint, davon ausgehen zu können, dass eine positive Grundeinstellung zu sich selbst und anderen Menschen gegenüber förderlich für die Gesundheit sei. In jüngster Zeit will man untersuchen, wie man die Kultivierung dieser Haltungen unter Einbeziehung der Meditation erreichen kann.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 03.06.2010 - 00:00 Uhr
Kategorie: Medikamententester News