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Preisbindung für Medikamente aufgehoben


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Versandapotheken dürfen im Ausland ihre Medikamente an Kunden in Deutschland billiger verkaufen. Skurril ist, dass das nicht für deutsche Apotheken gilt.

In seinem letzten Urteil hat der Europäische Gerichtshof  (EuGH)  befunden, dass in Deutschland die Arzneimittelpreisbindung aufgehoben werden sollte.  Es müsse die  Möglichkeit für Internetapotheken (z.B. DocMorris) bestehen, ihren treuen Kunden Rabatte anzubieten. Das heißt, Versandhändler im Ausland dürften auch rezeptpflichtige Medikamente billiger verkaufen, was bisher nicht erlaubt war. Nach der Verkündung dieses Urteils brach ein Entrüstungssturm los.

Denn die Preisbindung  gilt nach wie vor sowohl für Apotheken in Deutschland als auch für deutsche Versandapotheken. Die Apothekerverbände zeigten sich erschüttert über das Urteil und regten sich auf: Pfusche doch der EuGH dem Gesetzgeber in Deutschland ins Handwerk. Einfach negiert und ausgehebelt haben die höchsten Richter Europas die Entscheidungen oberster deutscher Gerichte. So der Kommentar des Präsidenten der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Friedemann Schmidt. Es könne auch nicht sein, dass über den Verbraucherschutz ungezügelte Marktkräfte triumphieren, zumal im Gesundheitswesen.

Gleich hinterher folgte die Forderung der deutschen Apotheker: Ein sofortiges Verbot des Apothekenversandhandels! Darüber waren sich auch der Geschäftsführer der Wettbewerbszentrale sowie Gesundheitspolitiker aus Unionskreisen einig und stellten Überlegungen über ein Verbot an. Denkbar wäre aber auch die viel einfachere Lösung, ebenfalls hierzulande für alle die Preisbindung aufzulösen.

Für die Apotheker in Deutschland ist das Urteil deshalb so bitter, weil hier rezeptpflichtige Medikamente in jeder Apotheke gleich viel kosten, es besteht kein Konkurrenzkampf. Außerdem bezahlen die Krankenkassen die Preise für Medikamente sowieso. Ebenfalls gesetzlich geregelt sind die Margen, der Apothekeraufschlag und Packungspauschale für die Apotheker und Versandhandels-Apotheken. Die ca. 20.000 Apotheken in Deutschland können davon sehr gut leben. Haben sich doch ihre Umsätze seit 1995 verdoppelt auf 48 Milliarden Euro. Ein Teil ihres Geschäftes könnte nun den Versandhändlern im Ausland zugutekommen.

Die Apothekenpreise in Deutschland liegen deutlich über dem Niveau in Europa. Nun können die ausländischen Versandhändler nach dem Urteil des EuGH ihre Arzneien viel billiger verkaufen. Der Arzneimittel-Verordnungs-Report (AVR) schlüsselt regelmässig auf, wie hoch die Preise in Deutschland im Europavergleich liegen. Die Ergebnisse sind für das wissenschaftliche Institut der AOK bestimmt. Seit Jahren redet man von „überteuerten Medikamenten in Deutschland“.  2016 heißt es im Report: Die Listenpreise zeigen im Vergleich die deutlich höheren Preise in Deutschland auf.

Den Grund dafür sieht der AVR darin, dass gerade neue Medikamente zu immer höheren Preisen verkauft werden; dadurch sind auch die Gesamtausgaben des Gesundheitssystems in Deutschland in den vergangenen Jahren weiter angestiegen. Der Professor für Gesundheitsökonomie Gerd Glaeske aus Bremen  kritisiert das seit langem und warnt: Durch die Kostenexplosion der hochpreisig angebotenen Medikamente könnten in Kürze die Ressourcen unseres Gesundheitssystems überstiegen werden. Eine Weiterentwicklung der Kriterien zur Preisgestaltung und -festsetzung ist dringend erforderlich.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 05.11.2016 - 16:50 Uhr
Kategorie: Medikamententester News