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Schwangerschaftstest mit dem Hormonpräparat Duogynon


Ein 34-jähriger Mann aus dem Ostallgäu zieht gegen den Konzern der Pharmazie Bayer Schering vor Gericht. Vor dem Landgericht Berlin verlangt er Recht auf Einsicht in die internen Akten des Pharmakonzerns. Er sucht Beweise für seine schweren Missbildungen, die von dem Schwangerschaftstest Duogynon ausgelöst worden sein könnten.

Der Mann, welcher von Geburt an behindert ist, verlangt in einer Musterklage Einsicht in sämtliche Unterlagen des Pharmakonzerns Bayer Schering, die das umstrittene Hormonpräparat Duogynon betreffen. Andre´Sommer fühlt sich als eines von vielen Opfern des Hormonpräparates. Er leidet seit seiner Geburt an missgebildeten Geschlechtsteilen und einer Blase, die sich außerhalb seines Körpers befindet. Im Jahre 1975 bekam seine Mutter Duogynon als Schwangerschaftstest verabreicht. Zu dieser Zeit wurde das Medikament in Großbritannien für diesen Zweck bereits nicht mehr eingesetzt.

Parallelen sieht der Betroffene zum Contergan-Skandal. Diese Vorwürfe werden von Bayer Schering abgewiesen. Der Bayer-Sprecher Oliver Renner sagt dazu, dass in den 60er- und 70er-Jahren das Thema juristisch sowie wissenschaftlich ausgiebig erörtert und abgeschlossen wurde, neue Erkenntnisse kamen nicht hinzu. Zwischen Duogynon und Missbildungen bei Neugeborenen sei kein Zusammenhang festgestellt worden.

In den 70er-Jahren wurde das Hormonpräparat Duogynon als Schwangerschaftstest und zur Behandlung von menstrualen Störungen  verschrieben. In Großbritannien durfte das Präparat nach kritischen Studien nicht mehr verkauft werden. Dagegen bekam das Mittel in Deutschland einen neuen Namen „Cumorit“. Gegen Menstruationsbeschwerden wurde es weiter verschrieben, aber vom Markt genommen erst im September 1980.

Auf Anfrage der Grünen teilte die Bundesregierung im Juli dieses Jahres mit, dass ihr ein eindeutiger, wissenschaftlicher Beleg nicht vorliege, der die Missbildungen der Neugeborenen durch Einnahme von Duogynon  beweisen könnten. Auch wurden in den 70er-Jahren die Daten von den Krankenkassen nicht zentral erfasst. So sind genaue Zahlen über Geschädigte nicht bekannt.

Dagegen geht der Anwalt von Andre Sommer, Jörg Heynemann, von ca. 1.000 Geschädigten in Deutschland aus. Viele Mütter hätten in den 60er und 70er-Jahren Kinder geboren, die schwere Missbildungen aufwiesen – wie Wasserkopf, offener Rücken, offener Bauch, Fehlbildungen an inneren Organen und Extremitäten. Alle Mütter hatten Duogynon verabreicht bekommen.

Anhand von Briefen will der Anwalt beweisen, dass bereits Ende der 60er Jahre im Schering-Konzern britische Forscher vor fatalen Nebenwirkungen von Duogynon gewarnt hatten. Für eine spätere Schadensersatzklage soll der Einblick in weitere Dokumente als Grundlage dienen.

Der Pharmakonzern verwehrte bislang eine Akteneinsicht. Ende der 70er-Jahre reichte eine Interessengemeinschaft die erste Klage gegen den Konzern ein, welche allerdings scheiterte. Andre Sommer und sein Anwalt haben Hoffnung, dass mit Änderung des Arzneimittelrechts 2002 – Patientenrechte werden gestärkt -  ihre Klage vor dem Landgericht Berlin Erfolg hat.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 02.12.2010 - 00:00 Uhr
Kategorie: Medikamententester News