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Simulierter Mars-Flug abgeschlossen


Den Seufzer „Ich vermisse Frauen – besonders meine“ gab der Franzose Romain Charles (31) bereits vor einigen Monaten von sich. Ebenso empfindet das der Russe Alexej Sitjow, der erst seit Sommer 2010 verheiratet ist und seine Frau sehr vermisst.

Die beiden Probanden nahmen zusammen mit zwei russischen, einem chinesischen und einem italienischen Kollegen freiwillig  an einem fingierten Mars-Flug teil. Das Unternehmen wurde am 3. Juni 2010 vom Moskauer Institut für biomedizinische Probleme (IMBP) gestartet und sollte 520 Tage andauern. Den beiden Strohwitwern war das bekannt. Heute werden eineinhalb Jahre für einen eventuellen bemannten Flug zum Mars einkalkuliert. Das bedeutet für den Hinflug 250 Tage und für den Rückflug 240 Tage,  für den Aufenthalt auf dem Roten Planeten ist ein Monat vorgesehen.

Am Boden sind bereits verschiedene Langzeit-Flüge simuliert worden, aber dieser Versuch ist bisher der am längsten andauernde und realitätsnaheste der jetzt auslaufenden Mission „Mars 500“. Für die Probanden, die als freiwillige „Astronauten“ fungieren, sind es regelmäßig wenig komfortable Bedingungen. Auch war es bisher die teuerste Simulation. Die Europäische Weltraumagentur Esa und Roskosmos (russische Raumfahrtbehörde) bezahlten dafür über 10 Millionen Euro.

Nun soll in Moskau am 4. November der röhrenförmige Versuchs-Container geöffnet werden und die „Marsonauten“ haben ihren Isolationsversuch absolviert. Es ist bereits klar, dass der große simulierte Mars-Flug sein Forschungsziel erreicht hat. Es ging hier weniger um die technischen Probleme eines bemannten Mars-Fluges, sondern von Interesse waren biomedizinische Fragen, die Schwerelosigkeit ausgenommen. So konnte zum Beispiel ein Forscherteam mit Jenz Titze (Universität Erlangen) neue Erkenntnisse über den Salzhaushalt beim Menschen ermitteln: Dabei reduzierten die Forscher die tägliche Salzration der Probanden  auf sechs Gramm von ursprünglich zwölf und werteten die Reaktion aus: der Blutdruck sank. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass zu viel Salz den Blutdruck erhöht.

Für die Erforschung der menschlichen Psyche bot Mars 500 einen hervorragenden Rahmen. Wie würden es sechs Menschen ertragen, eingepfercht und hermetisch isoliert, abgeschottet von der Umwelt, eineinhalb Jahre so zu leben? Würden dem alle standhalten ohne schlapp zu machen oder durchzudrehen? Könnte im extremen Fall eine Art Ratten-Effekt auftreten, wobei sich die Nager gegenseitig angreifen (die Folge von einer langen Zeit in einem engen Käfig)?

Die Marsonauten waren 520 Tage lang geplagte Versuchskaninchen. Unter den     Probanden befand sich vorsichtshalber der russische Militärarzt Alexander Smolejewski (32).

Jedem Proband standen eine private Kabine von nur drei Quadratmetern und ein Bett von 60 cm Breite zur Verfügung. Der Proband Romain Charles berichtete, dass er – sobald er ein Messgerät (EKG, EEG, Blutdruck etc.) anlegte – sich nachts nicht mehr bewegen konnte. Den Probanden stand während einer Zeit von 17 Monaten eine Fläche von 72 Quadratmetern zur Verfügung.

Es gab kein Tageslicht, keine frische Luft von außen und schon gar nicht frische Nahrung. Es konnte nur gegessen werden, was in den Container vor Beginn des Versuches eingelagert worden war. Bereits in den ersten Monaten waren Thunfisch und Schokolade verspeist, berichtete Romain Charles. Danach gab es Woche für Woche dieselben Gerichte, die in einer monotonen Diät in den letzten Monaten endeten.

Die hygienischen Möglichkeiten waren ebenfalls begrenzt, so war nur einmal wöchentlich Duschen und die Kommunikation mit Freunden oder der Familie möglich. Das war für alle eine große Belastung, nicht nur für die beiden Strohwitwer.  

Auch wurden die Probanden fortdauernd videoüberwacht, beinahe wie bei einer Reality-TV-Show. Die Forscher beobachteten das Geschehen im „Mars-Raumschiff“ mithilfe von 40 Kameras. Man scannte laufend die Gesichtszüge der Probanden, um Hinweise auf Depressionen oder andere Gemütsverfassungen zu bekommen. Das menschliche Herz wurde ebenfalls beobachtet, wie es auf die Langzeit-Isolation reagiert. Im Körper der Probanden interessierte die Forscher sogar die Mikrofauna.

Der italienische Proband Diego Urbina (27) beschwerte sich einmal, dass der Urin den ganzen Tag über gesammelt werden müsse und dann Proben vom Vortag genommen werden müssten. Anfangs war es eklig, dann gewöhnten sich alle Probanden daran. In regelmäßigen Abständen wurden die Probanden selbst mit Blaulicht bestrahlt, um damit psychische Reaktionen zu kontrollieren.

Die Probanden mussten  auch verschiedene wissenschaftliche Aufgaben (Physiologie, Psychologie und Mikrobiologie) meistern. Bald stand fest, dass die Monotonie der Arbeitsabläufe die größte Herausforderung auf dem engen Raum war.

Diegon Urbina schrieb in seinem Protokoll, dass man oft „Einsamkeit und eine große Monotonie spüre, er würde an einer derartigen Mission kein zweites Mal teilnehmen.“ Ein weiterer Satz drückt die wirkliche Monotonie deutlich aus: „Nach mehr als 500 Tagen bin ich gespannt, einem fremden Menschen zu begegnen, nichts ist für mich spannender“.

Romain Charles, der zweite europäische Proband, sieht das Ende von Mars500 positiver. Er erinnert sich, dass vor eineinhalb Jahren die Frage im Raum stand, ob der Mensch psychologisch und physiologisch überhaupt fähig sei, eine derartige totale Isolation eines Fluges bis zum Mars zu überstehen. Stolz gibt er sich selbst zur Antwort: „Yes, we‘re ready to go.“

Es muss allerdings fairerweise gesagt werden, dass bei diesem Groß-Versuch zwei wichtige Kriterien von einem echten Raumflug zum Mars nicht simuliert werden konnten: erstens die nicht unerhebliche Gefahr. In einem Katastrophenfall hätten die Probanden von Moskau ihren Container sofort verlassen können. Bei einem realen Raumflug wäre dies unmöglich und keiner könnte zur Hilfe kommen.

Ein bemannter Flug zum Mars wäre außerdem die erste echte „Raum“-Fahrt. Bislang war der Mond, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft von unserer Erde befindet, das entfernteste Ziel von Astronauten. Er ist 380 000 Kilometer entfernt. Erde und Mars erreichen in ihrer kürzesten Annäherung 50 Millionen Kilometer. So wären auch Licht oder Funksignale bei der größten Entfernung von der Erde 22 Minuten bis zum Roten Planeten unterwegs. Bei echten Astronauten, die zum Mars fliegen wollen, dürfte das ganz andere Gefühle der Isolation auslösen.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 06.11.2011 - 14:09 Uhr
Kategorie: Medikamententester News