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Umfangreiche Arzneimitteltests an DDR-Bürgern


1989 hat sich folgender Fall zugetragen: Der Elektriker Gerhard Lehrer, 60 Jahre, wurde in einem Dresdener Krankenhaus wegen eines Herzinfarktes behandelt. Nachdem Gerhard Lehrer nach drei Wochen entlassen worden war, ging es ihm immer schlechter. Die Klinik fordert ihn auf, sofort das Medikament abzusetzen. Und auch alle übrigen Pillen zurückzugeben. Gerade das tat Lehrer nicht. Zu seiner Frau sagte er, sie solle die Tabletten gut aufheben, vielleicht braucht sie sie später einmal. Lehrer starb ein Jahr später.

Bis heute hat seine Frau Anneliese Lehrer die Medikamente in einer roten Schachtel aufgehoben. Sie erzählt, wie merkwürdig es bei ihres Mannes Einweisung im Mai 1989 gewesen war: Vollmundig habe der Arzt die rot-weißen Kapseln gelobt „Nur bei mir bekommen sie die“, sagte er. Als in einem vor kurzem gesendeten Bericht des MDR- Fernsehens von riskanten Pharmatest-Praktiken in DDR-Kliniken berichtet wurde, meldet sich Frau Lehrer bei dem Sender. Die Medikamente ihres Mannes wurden in einem Labor der Universität in Leipzig analysiert. Als Ergebnis kam heraus, dass keinerlei Wirkstoffe darin enthalten waren.

Die plötzliche Gewissheit war wie ein Schock:  Bei Arzneimitteltests in der DDR war der schwer herzkranke Gerhard Lehrer ein Versuchskaninchen. Er befand sich – ohne sein Wissen - in dem Teil der Studiengruppe, der ein Placebo (wirkungsloses Scheinpräparat) verabreicht wurde. Eine echte Therapie wurde ihm vorenthalten.

Stefan Hoge und Carsten Opitz, beide Journalisten, belegen in ihren Recherchen für ihren Film „Test und Tote“, dass Ende der achtziger Jahre die DDR zu einem der wichtigsten Testgebiete für neue Medikamente avanciert war. Außer betroffenen Personen kommen in der Dokumentation auch deren Angehörige und Pharmahistoriker zu Wort. Vom Hoechst-Konzern erklärt ein ehemaliger Manager, wie es zu solchen umfangreichen Medikamententests kommen konnte. Akten, die bisher unzugänglich waren, sagen aus, dass eine planmäßige Zusammenarbeit von Ärzten, staatlichen Institutionen und westlichen Pharmakonzernen bestand.

Die Journalisten konnten durch eine Nummer auf der alten, von der Witwe aufgehobenen Medikamentenschachtel herausfinden, dass in Unterlagen des DDR-Gesundheitsministeriums (bisher als verschollen geglaubt),  der Arzneimitteltest zugeordnet werden konnte. So war ohne sein Wissen der kranke Gerhard Lehrer Teilnehmer einer Studie, bei der der Wirkstoff Ramipril getestet wurde. Es handelte sich dabei um einen erfolgreichen Blutdrucksenker, der Pharmakonzern Hoechst wollte aber noch weitere Anwendungsgebiete herausfinden.

Durch zwei Entwicklungen wurden in der DDR die geheimen Pharmatests begünstigt: Zum Einen entwickelte sich die DDR in den achtziger Jahren zu einem Staat mit Mangelwirtschaft. Es fehlte an allem: Nicht nur Südfrüchte und Autoersatzteile, auch benötigte Medikamente waren nicht immer vorrätig und konnten nicht verordnet werden. Zu bestimmten Zeiten konnten Apotheken oft 20 % der Medikamente nicht liefern, auch Kliniken litten unter dem Mangel, berichtet von der Uni Marburg Pharmaziehistoriker Christoph Friedrich.

Die Pharmaindustrie erlebte gerade in dieser Phase die Auswirkungen des damalig größten Arzneimittelskandals. Mütter, die Contergan während der Schwangerschaft eingenommen hatten, brachten Kinder zur Welt, die schwere Fehlbildungen hatten. Die Firma Grünenthal nahm 1961 dieses Mittel vom Markt. Daraufhin wurden die Zulassungsbedingungen für neue Arzneien von der westdeutschen Regierung verschärft. Erst 1978 trat ein neues Arzneimittelgesetz in Kraft. Patienten müssen seitdem über ihre Rechte und die Risiken in Studien aufgeklärt werden.

Die Hersteller wurden durch die neuen, gesetzlichen Auflagen zur Marktzulassung gezwungen, ihre Präparate umfangreicheren klinischen Studien zu unterziehen. Dafür brauchten sie viele Probanden. Die Suche nach testwilligen Personen, Patienten und Ärzten wurde verschärft. Die westdeutschen Unternehmen fanden eines der neuen Testgebiete in der DDR.

Der Journalist Opitz konnte aus den Stasi-Akten entnehmen, dass in der DDR Ende der siebziger Jahre Mängel im Gesundheitssystem der Ärzte beklagt und unüberhörbar geworden waren. Um jenseits der Planvorgaben eine schnelle Lösung zu erreichen, habe direkt an Erich Honecker Ludwig Mecklinger (DDR-Gesundheitsminister) mehrere dringende Briefe geschrieben. Er warnt darin auch von einer stark ansteigenden Anzahl von ausreisewilligen Ärzten. In einer Nacht- und Nebelaktion reagiert Honecker, indem er den Zugriff auf gebunkerte Staatsreserven anweist, welche für den Ernstfall vorgesehen waren.

Der Historiker Friedrich berichtet, dass 1983 im Frühjahr in einer geheim gehaltenen Sitzung mit Mitgliedern des für das Gesundheitswesen Verantwortlichen im Zentralkomitee die Weichen für einen Deal gestellt wurden, der folgenschwere Auswirkungen haben sollte. Für westliche Pharmaunternehmen sollten an ausgewählten Krankenhäusern in der DDR die Ärzte von noch nicht zugelassenen Arzneien klinische Tests durchführen. Die dafür erhaltenen Devisen sollten in der Hauptsache für eigene Krankenhaus-Investitionen dienen. Hier wurden zuvor nur westliche Medikamente getestet, die eine Genehmigung für den Import benötigten. Opitz sagte, dass das als „immaterieller Export“ bezeichnet wurde. In zwei Jahren hatte Opitz für den Film zahlreiche Dokumente durchgesehen, Zeitzeugen und Experten befragt.

Aus der Dokumentation ist zu erfahren, wie konkret der Handel lief, wie Verträge von West-Konzernen mit der als GmbH handelnden DDR-Außenhandelsfirma geschlossen wurden. Die Verhandlungen zogen sich über Monate lang hin und knallhart  wurde um Fallpauschalen für jeden gelungenen Test gefeilscht. Akten des Gesundheitsministeriums belegen den Erfolg der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit: 1983 gab es 20 Auftragstestungen, 1988 waren es 165.

Beispiel Hubert Bruchmüller. Heute ist er Invalidenrentner, zu DDR-Zeiten wollte er eine Sportlerkarriere beginnen. Aber der damalige Elektromonteur litt an einer unentdeckten Herzkrankheit, so wurde nichts daraus. Man schickte den damals 30-jährigen Mann in das Bezirkskrankenhaus Lostau bei Magdeburg,  eine von wenigen Spezialeinrichtungen in der DDR. Dort testete man an ihm, ohne sein Wissen, das Medikament Spirapril von Sandoz. Sein Bettnachbar erlitt während seines Kliniksaufenthaltes eine Herzattacke – und sah ihn nie wieder. Während der Auftragsstudie in Lostau starben bis Dezember 1989 sechs der 17 getesteten Personen. Aus den Akten des Bundesarchivs konnte entnommen werden, dass danach die Ärzte gestoppt wurden.

Bis zum Mauerfall war das für die DDR ein lukratives Geschäft. Nach dem Mauerfall war es zu Ende, Millionen an D-Mark hatte die DDR bis dahin damit eingenommen. Wie viel es pro Auftrag war, bleibt im Dunkeln. Nachdem das Gesundheitsministerium der DDR aufgelöst worden war, ging der größte Teil der Akten verloren. Nachweislich haben einzelne Studien mit Medikamenten bis zu 860.000 DM gebracht.

Keine Klarheit bringen auch journalistische Recherchen über die Patientenaufklärung. Verschollen sind die schriftlichen, rechtsgültigen Einwilligungserklärungen der Patienten, sagen die Archive der Kliniken und die beteiligten Pharmafirmen. Man habe auch bei dem Nachfolger von Hoechst und Sandoz nachgefragt, sagt Opitz. So sei Sanofi-Aventis ganz kooperativ gewesen und schickte einige Prüfakten von Gerhard Lehrer aus dem Hoechst-Archiv.

Aber von den Verantwortlichen, jemanden der darüber genauer Bescheid weiß, konnte angeblich kein einziger gefunden werden, nicht von den zuständigen Ministerien und nicht von den Verbänden der Pharmaindustrie. Journalisten konnten dagegen sogar diejenigen Mitarbeiter aufspüren, die die Tests von Hoechst in der DDR täglich durchführten. Interviews vor der Kamera wurden von der Ost- und West-Seite aber kategorisch abgelehnt.

Bereit war nur einer der ehemaligen DDR-Ärzte, Aussagen über die Auftragstestungen zu machen. Journalist Opitz vermutet, dass der größte Teil der Mediziner ihr Gesundheitswesen von politischen und wirtschaftlichen Zwängen frei in Erinnerung behalten möchten. Seine Dokumentation zeigt jedoch, dass das nicht stimmt.

 


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 14.01.2013 - 17:57 Uhr
Kategorie: Medikamententester News