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Viele Ärzte sind über neue Medikamente unzureichend informiert


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Für Patienten bringen teure Medikamente oftmals keinen größeren Nutzen als die preiswertere Variante. Aber trotzdem verschreiben die Ärzte diese öfter, wohl auf Grund der Werbung der pharmazeutischen Industrie. Die Krankenkassen und die Versicherten tragen dafür die Kosten.

Deutschlands Pharmaindustrie bringt Jahr für Jahr neue Medikamente mit neu entwickelten Wirkstoffen in den Handel. Diese Präparate sind häufig mit großem Aufwand entwickelt worden und sind entsprechend teuer. Auch deshalb teurer, weil für sie noch ein Patentschutz besteht, billige Nachahmerpräparate gibt es nicht.

Seit nunmehr vier Jahren wird in einem mehrstufigen und aufwendigen Verfahren ermittelt, ob der hohe Preis für die Neuentwicklungen tatsächlich gerechtfertigt ist. Der sogenannte Gemeinsame Bundesausschuss prüft in einer Nutzenbewertung die neuen Medikamente auf einen Zusatznutzen für die Patienten.

Dieses Verfahren wurde von den Krankenkassen gefordert, da die Gesundheitsausgaben ständig steigen und die Angst besteht, für die neuen Medikamente hunderte Millionen Euro zu viel auszugeben ohne genau zu wissen, welcher Zusatznutzen für die Patienten eigentlich besteht.

Seit vor vier Jahren die Nutzenbewertung eingeführt wurde, haben die Experten tatsächlich in vielen Fällen festgestellt, dass die Patienten von den neuen Wirkstoffen entweder keinen oder lediglich geringen zusätzlichen Nutzen verspüren.

Auf Anordnung der DAK-Gesundheit, der drittgrößten Krankenkasse Deutschlands, haben an der Bielefelder Universität Gesundheitsökonomen analysiert, welche Auswirkung die Bewertungen auf die Verschreibungspraxis der Ärzte haben. Hatte doch diese Reform als wichtigstes Ziel im Visier, die Arzneien ohne Zusatznutzen weniger zu verschreiben. Dazu werteten die Forscher die Verschreibungsdaten der DAK aus.

Allerdings sind die erhobenen Ergebnisse ernüchternd: Es werden selbst solche Medikamente häufig verordnet, bei denen bei der aufwendigen Untersuchung kein weiterer therapeutischer Nutzen registriert worden ist. Die Gesundheitsökonomen waren besonders verwundert, dass ausgerechnet die Wirkstoffe ohne jeglichen Zusatznutzen nach der Veröffentlichung der Prüfungsergebnisse im ersten Jahr besondere Popularität bei den Ärzten erzielt haben.

Die Forscher nannten als Beispiel das Medikament Fampyra (Mittel gegen Multiple Sklerose). Obwohl für den Patienten kein zusätzlicher Nutzen festgestellt worden war, stieg der Umsatz des Medikaments in zwei Jahren nach der Überprüfung auf das Zehnfache an. Die Wissenschaftler nehmen an, dass Ärzte oft nicht ausreichend genug über eine neue Arznei informiert sind. Der Leiter der Untersuchung, Wolfgang Greiner, sagt: „ Aus dem Prüfungsverfahren gehen viele Informationen auf dem Weg zur Arztpraxis hin verloren.“

Deshalb fordert auch der Vorstandsvorsitzende der DAK-Gesundheit, Herbert Rebscher, dass den Ärzten in Zukunft aussagekräftigere Informationen zur Verfügung gestellt werden sollen, beispielsweise der kostenlose Zugang zu wichtigen internationalen Fachjournalen, wie in Skandinavien schon üblich. Er sagt weiter, „Die Erkenntnisse über die Nutzenbewertung dürfen Ärzten nicht vorenthalten werden, damit sie über notwendige Informationen verfügen können.

Ärztevertreter klagen ebenfalls, viele ihrer Kollegen seien nicht ausreichend informiert. Sie würden von den Marketingversprechen der Arzneimittelhersteller zu sehr beeinflusst. Der Vorstandsvorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft Wolf-Dieter Ludwig stellt fest, dass bei der Information der Mediziner eine Dominanz des Pharmamarketings besteht. „Über die Information der Ärzte haben wir ein Monopol der Hersteller.“

Ludwig sagt, die Mediziner würden von den Herstellern mit Marketingbotschaften regelrecht bombardiert. So erhalte er selber pro Tag etwa zehn Angebote von der Pharmaindustrie, sich doch an Marktforschungsuntersuchungen zu beteiligen. Er schätzt ein, dass er damit allein ca. 700 Euro pro Tag verdienen könnte, klinisch bräuchte er dann nicht mehr arbeiten. Auch sponsern die Medikamentenhersteller in der Regel die obligatorischen Fort- und Weiterbildungen.

Aus diesem Grund fordert Ludwig, dass die Seminare über Fort- und Weiterbildung zukünftig unabhängige Anbieter durchführen sollten. Wenn bekannt ist, dass die Seminare nur reine Marketingveranstaltungen darstellen, fehlt die Akzeptanz für diese Fortbildungen und es lassen sich auch keine Punkte dafür vergeben. Er schlägt vor, dass für ihre Fortbildungen die Mediziner künftig selbst zahlen sollten, bei anderen Berufsgruppen sei es auch so. Die unabhängigen Fortbildungen könnten auf diese Art finanziert werden.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 16.03.2015 - 19:24 Uhr
Kategorie: Medikamententester News