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Virus im Fadenkreuz – Therapien gegen AIDS


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HIV steht für Human Immunodeficiency Virus, zu Deutsch menschliches Immunschwäche-Virus. Eine Ansteckung mit diesem Erreger führt – wenn sie nicht behandelt wird – zu einer fortschreitenden Schwächung des Immunsystems. Hierdurch ist dieses irgendwann nicht mehr fähig, Krankheitskeime abzuwehren oder das Entstehen von Tumoren zu verhindern. Dieses letzte Stadium der Krankheit heißt Acquired Immune Deficiency Syndrome – erworbenes Immunschwäche-Syndrom, abgekürzt AIDS.

Seit um 1996 herum klar wurde, dass eine Kombination mehrerer Medikamente die Viren für lange Zeit in Schach halten kann, ließ sich die Infektion bei vielen Patienten von einer tödlichen in eine chronische Krankheit umwandeln. Bei ihnen schreitet die Schädigung des Immunsystems nicht weiter fort, es regeneriert sich sogar, und die Patienten geraten nicht ins AIDS-Stadium. Die Behandlung verlangt jedoch eiserne Einnahmetreue und hat meist spürbare Nebenwirkungen. Deshalb bleibt es oberstes Gebot, es gar nicht erst zu einer Infektion kommen zu lassen.

Übertragungswege und -risiken

Glücklicherweise kann man sich mit HIV nicht so leicht anstecken wie mit einer Grippe. Vielmehr ist die Übertragung auf wenige Wege beschränkt und findet auch auf diesen nicht in jedem Fall statt. Dennoch ist das Ansteckungsrisiko hoch genug, dass sich an jedem Tag knapp 5.000 Menschen weltweit neu infizieren (Quelle: UNAIDS 2018). Am häufigsten übertragen wird HIV beim Geschlechtsverkehr ohne Kondom. Die Viren im Sperma und Scheidensekret Infizierter können über die Schleimhäute von Mund, Scheide und After oder durch Wunden in das Blut des Partners gelangen. Bei Männern können zudem die Eichel oder die Innenseite der Vorhaut als Eintrittspforte dienen. HIV wird auch unter Drogenkonsumenten übertragen, die Spritzen gemeinsam benutzen. Babys können sich während der Geburt oder über die Muttermilch bei ihren Müttern infizieren.

Auf die konkrete Ansteckungsgefahr im Einzelfall haben viele Faktoren Einfluss. So ist das Risiko bei Analverkehr anscheinend höher als bei Vaginalverkehr. Hohe Viruszahlen in den Körperflüssigkeiten steigern das Risiko ebenso wie Geschlechtskrankheiten und Entzündungen an den Geschlechtsorganen. Männer, deren Vorhaut beschnitten wurde (wie es bei einigen Religionen Brauch ist), haben hingegen ein etwas verringertes Ansteckungsrisiko. HIV-Infizierte, bei denen die medikamentöse Behandlung sehr gut angeschlagen hat, sind anscheinend kaum noch infektiös; ob man sogar von "nicht infektiös" ausgehen kann, wird derzeit noch diskutiert. Allerdings weiß im Alltag ohnehin niemand, ob die Therapie der eigenen Infektion oder der des Partners aktuell noch wirksam ist (sich die Viren also nicht aufgrund von Mutationen wieder vermehren), so dass in jedem Fall Vorsichtsmaßnahmen geboten sind.

Verlauf der Infektion

Ist das Virus ins Blut gelangt, infiziert es vor allem bestimmte weiße Blutkörperchen: die T-Helferzellen (= CD4-Zellen). Diese Zellen steuern die körpereigene Abwehr, können insbesondere andere Typen von Immunzellen aktivieren und so eine Abwehrreaktion gegen Krankheitskeime einleiten. Ist HIV in eine T-Helferzelle eingedrungen, zwingt das Virus sie, große Mengen an neuen Viren zu produzieren. Diese verlassen die Zelle, zerstören sie und infizieren weitere T-Helferzellen.

Wird eine HIV-Infektion nicht behandelt, verläuft sie gewöhnlich in vier Phasen:

  • In der Akutphase – etwa zwei bis vier Wochen nach der Ansteckung – leiden viele Patienten für einige Tage unter grippeartigen Symptomen wie Fieber und Halsschmerzen. Die Viren vermehren sich explosionsartig und töten viele T-Helferzellen.
  • In der folgenden symptomfreien Latenzphase sinkt die Zahl der Viren wieder stark, da sie jetzt von anderen Immunzellen bekämpft werden. Die Zahl der T-Helferzellen nimmt wieder zu. Von den Patienten unbemerkt, tobt nun in ihrem Körper über Jahre ein heftiger Kampf, den HIV letztlich für sich entscheidet. Denn jeden Tag werden bis zu zehn Milliarden Viren, aber nur eine Milliarde T-Helferzellen neu gebildet.
  • In die symptomatische Phase treten Patienten ein, wenn die Zahl der T-Helferzellen von normal 800.000 bis 1 Million auf 200.000 - 350.000 pro Milliliter Blut gesunken ist. Anzeichen dafür sind häufig Fieber und Gewichtsabnahme sowie eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen.
  • Ist die Zahl der T-Helferzellen nach acht bis zehn Jahren auf unter 200.000 pro Milliliter Blut gesunken, ist der Körper anfällig für einige Erreger, die einem Menschen sonst nichts anhaben können, z. B. der Lungenentzündungserreger Pneumocystis. Das Stadium AIDS ist erreicht, sobald tatsächlich ein oder mehrere solche Infektionen auftreten oder sich bestimmte seltene Tumore wie der Hautkrebs Kaposi-Sarkom zeigen.

HIV in Deutschland

HIV-positiv
Seit 1985 sind Tests verfügbar, die anhand einer Blutprobe zeigen, ob jemand mit HIV infiziert ist. Blutproben mit Zeichen einer HIV-Infektion sind „HIV-positiv", die übrigen „HIV-negativ". Seit langem ist „HIV-positiv" daher auch ein Ausdruck dafür, dass jemand mit HIV infiziert ist.

Nach Angaben des staatlichen Robert Koch-Instituts waren Ende 2017 in Deutschland mehr als 86.100 Menschen mit HIV infiziert, davon mehr als 69.100 Männer und mehr als 17.000 Frauen. Rund 450 Patienten starben. Von den geschätzt 2.700 Neuinfektionen von 2017 gingen etwa 63 % auf Sex unter Männern zurück. Die nach wie vor hohe Zahl an Neuinfektionen zeigt, wie wichtig es ist, einer Ansteckung vorzubeugen. Das wirksamste Mittel ist der Gebrauch von Kondomen, gegebenenfalls ergänzt um eine medikamentöse Prophylaxe (siehe unten). Im Fall der Schwangerschaft einer HIV-infizierten Frau kann die Übertragung auf das Kind fast immer durch Behandlungmaßnahmen bei Mutter und Kind verhindert werden; 2017 steckten sich weniger als zehn Babies bei ihren Müttern an.

HIV-Therapie heute: Die Viren in Schach halten

Eine Infektion mit HIV ist bis heute nicht heilbar. Doch dank Medikamenten aus den Labors forschender Pharmafirmen lässt sich die Virenvermehrung im Körper fast vollständig unterdrücken. Verschiedene Klassen von Medikamenten stehen dafür mittlerweile zur Verfügung; jede Klasse hat eine andere Wirkungsweise. Die Pharmaforschung verteidigt damit erfolgreich ihren Vorsprung im Wettlauf gegen die Viren.

Die Behandlung mit diesen Medikamenten ermöglicht HIV-Infizierten – abgesehen von spürbaren Nebenwirkungen und der bleibenden Notwendigkeit zur Vorsicht, niemanden anzustecken – ein weitgehend normales Leben. Sprechen die Patienten gut auf die Therapie an und halten sie diese streng ein, können sie heute mit einer annähernd normalen Lebenserwartung rechnen. Sie müssen dazu zwei oder mehr Wirkstoffe zugleich einnehmen.

Welche Kombination für einen bestimmten Patienten die beste ist, muss der Arzt entscheiden. Er kann sie aus mehr als 35 Originalpräparaten und vielen Generika zusammenstellen, die auf 32 verschiedenen Wirkstoffen mit sechs verschiedenen Wirkungsweisen basieren (Stand: November 2018). Die meisten dieser Präparate enthalten genau einen Wirkstoff, doch gibt es inzwischen auch mehrere Zweier-, Dreier- und Viererkombinationen in einer Tablette. Die HIV-Kombinationstherapie erhielt, als sie um 1996 herum eingeführt wurde, den Namen HAART – für Highly Active Antiretroviral Therapy oder hochwirksame antiretrovirale Therapie. Antiretroviral heißt sie deshalb, weil HIV von Medizinern zu den Retroviren gezählt wird.

So wirken die HIV-Medikamente

Viren können sich nicht selbst vermehren, sondern müssen stattdessen Zellen zwingen, ihre Nachkommen zu erzeugen. HIV hat sich dazu auf die schon genannten CD4-Zellen spezialisiert, eine ganz bestimmte Sorte von Immunzellen im Blut.

Jede der bislang sieben Klassen von AIDS-Medikamenten greift auf eine andere Weise oder einer anderen Stelle in den Vermehrungsprozess von HIV ein (bzw. unterstützt die Wirkung einer anderen Klasse). Das wird deutlich, wenn man die Schritte der Vermehrung verfolgt:

  • Im Blut trifft HIV auf eine CD4-Zelle, in die es einzudringen versucht. Dazu muss sich das Virus an einem Vorsprung in der Zelloberfläche festheften, der CCR5-Rezeptor heißt (im Bild blau dargestellt). Ist das erfolgt, verschmelzen Virus und Zelle miteinander – die beiden fusionieren. Erst dadurch kann Virusmaterial in das Innere der Zelle gelangen. Ein Medikament aus der Klasse der Entry-Inhibitoren kann das Eindringen jedoch vereiteln, indem es entweder den CCR5-Rezeptor blockiert oder das Fusionieren verhindert.
  • Durch die Fusion gelangen mehrere Enzyme und das Erbgut des Virus in die Zelle. Eins der Virusenzyme heißt Reverse Transkriptase. Es beginnt in der Zelle sofort, das mitgebrachte Viruserbgut zu kopieren. Dieser Vorgang lässt sich gleich durch zwei verschiedene Klassen von Medikamenten unterbinden, die von Medizinern „nukleosidische" und „nicht-nukleosidische Reverse-Transkriptase-Hemmer" genannt werden (NRTI und NNRTI). Die Klassen unterscheiden sich darin, auf welche Weise sie die Reverse Transkriptase an der Arbeit hindern.
  • Die Viruserbgutkopie kann so lange nichts bewirken, wie sie nicht ins normale Erbgut der Zelle eingefügt (im Fachjargon: integriert) wurde. Darin ähnelt sie einem Computervirus-Programm, das auch keinen Schaden anrichtet, ehe es sich nicht auf einem Computer installiert hat. Das Einfügen des Viruserbguts ins zelleigene Erbgut wird von einem weiteren Virusenzym ausgeführt: der Integrase. Ein Medikament aus der Klasse der Integrase-Hemmer kann das aber verhindern.
  • Ist die Viruserbgutkopie erst einmal ins Erbgut der Zelle eingefügt, übernimmt sie die Kontrolle. Sie kann dann – sogleich oder auch erst nach Jahren – veranlassen, dass große Mengen neuer Viren gebildet werden: Die Zelle stellt dann im ersten Arbeitsgang neue Virusbausteine und -enzyme her. Eins der Enzyme macht die Bausteine dann montagefertig; es heißt HIV-Protease. Ein Medikament aus der Klasse der Proteasehemmer kann die Virenproduktion an diesem Schritt noch aufhalten.
  • Im letzten Schritt setzen sich aus den fertigen Bausteinen und Enzymen und aus frischen Kopien des Virenerbguts neue Viren zusammen. Diese treten aus der befallenen Zelle aus. Dabei nehmen sie etwas von der Zellhülle als eigene Hülle mit und gestalten sie mit virentypischen Oberflächenmolekülen (im Bild orange) um. Die befallene Zelle geht zugrunde, und die neu entstandenen Viren greifen weitere Zellen an. Gegen diesen letzten Vorgang wirkt bisher noch kein Medikament.
  • Jedoch gibt es doch noch eine weitere Medikamentenklasse: die CYP-Inhibitoren. Sie wirken nicht direkt gegen die Viren, sondern verstärken die Wirkung von Protease-Hemmern, indem sie deren allzu raschen Abbau im Körper verhindern. Sie werden auch "Booster" genannt.

 Insgesamt wurde seit 1985 ein Repertoire an antiretroviralen Medikamenten auf Basis von 32 Wirkstoffen aufgebaut. Das zeigt das folgende Schaubild:

 Warum Präparate kombiniert werden müssen

Eigentlich, so könnte man meinen, müsste jedes antiretrovirale Medikament für sich allein imstande sein, die Vermehrung von HIV auf einem ungefährlich niedrigen Niveau zu halten. In der Praxis gelingt das jedoch nur mit einer Präparatekombination. Der Grund dafür liegt in der enormen Wandlungsfähigkeit der Viren: Ihr Erbgut wird bei der Vermehrung so „schlampig" kopiert, dass die Virus-Nachkommen stets Erbmaterial mit einzelnen Schreibfehlern (sogenannte Mutationen) erhalten. Die meisten dieser Schreibfehler sind ohne Effekt, aber hin und wieder kommt zufällig ein Schreibfehler vor, der die Viren unempfindlich gegen ein Medikament macht. Wird nur mit diesem Medikament behandelt, kann dieses die mutierten Viren nicht mehr stoppen, und sie vermehren sich wieder ungebremst.

Gegen mehrere Medikamente gleichzeitig Mutationen zu entwickeln, gelingt den Viren jedoch so gut wie nie. Deshalb bleiben Medikamenten-Kombinationen auch langfristig wirksam. Dies allerdings gilt nur, wenn die Patienten ihre Präparate lückenlos einnehmen. Das jedoch ist nicht immer der Fall, etwa weil Patienten versäumen, ihre Tabletten immer mit sich zu führen, oder weil sie einen Widerwillen gegen die Nebenwirkungen entwickeln (zu denen Übelkeit oder Durchfall zählen können). Sind die Viren eines Patienten aber gegen eins der Medikamente resistent geworden, muss dieses gegen ein anderes ausgetauscht werden, das noch wirkt. Nicht zuletzt deshalb ist es so wichtig, dass es viele verschiedene Präparate gegen HIV gibt und Firmen ständig neue entwickeln. Sie haben darüber hinaus aber auch viel getan, um Patienten die Therapie zu erleichtern: Während ältere Präparate in größeren Mengen und mehrmals täglich sehr pünktlich eingenommen werden müssen, genügt bei neueren Präparaten oft die einmalige Einnahme einer einzigen Tablette pro Tag ohne genaues Einhalten der Einnahmezeit. Mehrere neuere Medikamente rufen bei vielen Patienten auch weniger Nebenwirkungen hervor als ältere.

Die medizinischen Leitlinien empfehlen heute, möglichst bald nach der Diagnose mit einer HIV-Therapie zu beginnen. Denn das schützt einen HIV-Positiven nicht nur davor, ins AIDS-Stadium der Krankheit zu gelangen, es minimiert auch die Infektiösität. Spätestens wenn die Zahl der T-Helferzellen unter 500.000 pro Milliliter gefallen ist, solle unbedingt mit der Therapie begonnen werden. Das war nicht immer so: Früher gab es die Empfehlung, erst dann mit der Therapie zu beginnen, wenn sich erste Symptome bemerkbar machen oder weniger als 350.000 T-Helferzellen pro Milliliter im Blut gezählt werden.

Schlagen die Medikamente an, fällt die Virusmenge im Blut (die so genannte Viruslast) drastisch ab, idealerweise unter einen Wert von 50 Viren pro Milliliter (Kubikzentimeter) Blut. Mit abnehmender Virusmenge steigt die Zahl der T-Helferzellen in den ersten Monaten schnell wieder an, so dass sich das Immunsystem wieder normalisiert.

Medikamente gegen AIDS-typische Infektionen

Für die tägliche HIV-Therapie genügen heute weitaus weniger Tabletten oder Kapseln (rechte Hand) als in den 1990er-Jahren (linke Hand). Mehrere der neueren Wirkstoffkombinationen können sogar mit nur einer Tablette täglich eingenommen werden.Sollte es trotz antiretroviraler Therapie zu weiteren Infektionen mit anderen Erregern kommen, stehen auch dagegen zahlreiche neue Medikamente zur Verfügung. So gibt es Präparate, mit denen einem immunschwachen Patienten Antikörper zur Abwehr von Infektionen unterschiedlichster Art zugeführt werden können.

Auch gegen innere Pilzinfektionen und das speziell für AIDS-Patienten gefährliche Cytomegalie-Virus stehen seit einigen Jahren mehrere Medikamente zur Verfügung. Aber auch ältere Wirkstoffe leisten gute Dienste: So lässt sich eine häufige AIDS-typische Infektion, Lungenentzündung druch den Erreger Pneumocystis, mit dem bewährten Antibiotikum Cotrimoxazol behandeln.

Zur Infektabwehr ist der Körper auf neutrophile Granulozyten angewiesen, eine besondere Sorte weißer Blutkörperchen. Sollte ihre Zahl AIDS-bedingt absinken, kann sie durch gentechnisch hergestellte Medikamente wieder erhöht werden.

Was die Therapie bewirkt

Wenn die antiretrovirale Therapie greift, bedeutet das für Patienten, die zuvor schon erheblich an unspezifischen Infektionen oder gar an AIDS gelitten hatten, häufig ein neues Leben. Sie können wieder arbeiten, reisen und ihren Hobbys nachgehen. Auch Sex muss kein Tabu sein, wenn er geschützt praktiziert wird. Allerdings erleben viele Patienten Nebenwirkungen, zu denen beispielsweise Magen-Darm-Probleme, Schlafstörungen und Benommenheit gehören können. Einige Wirkstoffe können bei manchen Patienten die Nieren schädigen. Manche erhöhen die Blutfettwerte, wodurch das ohnehin größere Herzinfarktrisiko von HIV-Patienten weiter steigt. Pharmaforschern ist es gelungen, bei einigen der neueren Medikamente die Rate der Nebenwirkungen zu verringern. Daran wird weiter gearbeitet. Leider können die heutigen Therapien die Infektion nicht ausheilen, denn die Medikamente wirken nur in denjenigen T-Helferzellen, in denen sich HIV vermehrt. Manche befallenen T-Helferzellen treten jedoch in eine jahrzehntelange Ruhephase ein, in der keine oder nur wenige neue Viren gebildet werden. In diesen Zellen richten die Medikamente nichts aus – sie entgehen dem therapeutischen Angriff.

Infektionsverhinderung im letzten Moment

Immerhin können Medikamente eine Infektion meist verhindern, solange sich die Viren im Körper noch nicht "eingenistet" haben, etwa kurz nach ungeschütztem Sex oder einem Stich mit einer infizierten Spritzennadel. Dazu ist eine vierwöchige medikamentöse Intensivbehandlung nötig, die sogenannte Postexpositionsprophylaxe (PEP). Damit muss spätestens 72 Stunden nach dem Kontakt begonnen werden. Je früher die Behandlung einsetzt, desto wirksamer ist sie: Die besten Ergebnisse werden innerhalb der ersten 24 Stunden erzielt. Eine Erfolgsgarantie gibt es leider nicht. Deshalb ist die PEP auch kein Ersatz für eine sorgfältige Prävention; sie sollte Notfällen vorbehalten bleiben.

Für eine nachträgliche Prophylaxe eignen sich zahlreiche HIV-Medikamente, die je nach Bedarf kombiniert werden können – abhängig etwa von der gesundheitlichen Verfassung des Patienten, einer möglichen Schwangerschaft oder dem Ansteckungsrisiko. Als Standardtherapie empfehlen aktuelle ärztliche Leitlinien eine täglich einzunehmende Dreifachkombination aus bewährten AIDS-Medikamenten.

Kranke Mutter, gesundes Kind

Medikamente können auch das Risiko auf unter ein Prozent senken, dass sich ein Kind im Mutterleib oder während der Geburt bei seiner HIV-positiven Mutter ansteckt. Da das Risiko hierfür von der Virusmenge im Blut der Mutter abhängt, versucht man, diese durch eine HIV-Therapie so weit wie möglich zu senken. Das Kind erhält für die Dauer von vier bis sechs Wochen nach der Geburt ebenfalls Medikamente zur Vorbeugung. Da zudem eine Infektion über die Muttermilch möglich ist, sollte Fertignahrung das Stillen ersetzen.

Um eine mögliche Infektion frühzeitig behandeln zu können, raten die hierzulande gültigen ärztlichen Leitlinien allen Schwangeren zu einem HIV-Test. Prinzipiell eignen sich Medikamente aus allen Substanzklassen für die Therapie. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist bei geeigneter Therapie kein erhöhtes Fehlbildungsrisiko zu befürchten.

Medikamentöse Senkung des Ansteckungsrisikos

Ein zunächst nur für die Therapie entwickeltes Medikament – und Generika davon – haben auch eine Zulassung zur HIV-Vorbeugung für Gesunde ab 12 Jahren, die einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind. Dazu zählen Menschen, deren Sexualpartner HIV-positiv ist. Ein solcher Einsatz eines HIV-Medikaments wird Präexpositionsprophylaxe (PrEP) genannt.

Das Medikament enthält zwei Reverse-Transkriptase-Inhibitoren. Im Falle einer Ansteckung verhindern sie, dass das Virus sich im Körper festsetzt und ausbreitet. Studien zufolge lässt sich das Ansteckungsrisiko bei regelmäßiger Einnahme (einmal täglich) um mehr als 90 % reduzieren. Wie erfolgreich eine gezielte Präventionskampagne sein kann, zeigen Erfahrungen aus Australien: Nachdem dort Männer, die Sex mit Männern haben, umfassend und zügig mit PrEP versorgt wurden, sank die HIV-Infektionsrate binnen eines Jahres um ein Viertel.

Dennoch: Hundertprozentig verhindern lässt sich eine HIV-Infektion durch die Präexpositionsprophylaxe nicht. Deshalb soll das Medikament nicht statt, sondern zusätzlich zu Kondomen angewendet werden – Kondome schützen außerdem vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. In Deutschland ist ein Gesetz in Vorbereitung, das die Präexpositionsprophylaxe bei erhöhtem HIV-Infektionsrisiko als Kassenleistung vorsieht.

HIV-Selbsttests

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt ihren Einsatz schon länger, jetzt sind sie auch in Deutschland zugelassen: frei verkäufliche HIV-Schnelltests für zu Hause. Sie ermöglichen eine anonyme Selbstuntersuchung ohne großen Aufwand. Es gibt zwei Varianten: HIV-Antikörper-Suchtests, die im Blut nach Antikörpern auf das HI-Virus fahnden, und HIV-PCR-Tests, die das Virus direkt nachweisen und sich vor allem zur Kontrolle einer HIV-Behandlung eignen. Für die Überprüfung eines Infektionsverdachts empfehlen sich Antikörpertests, die zwölf Wochen nach dem riskanten Ereignis zuverlässig Auskunft geben können. Das neue Testangebot könnte dazu beitragen, manche HIV-Übertragung früher zu entdecken und noch wirksamer zu behandeln.

HIV-Medikamente für Kinder

Bei der Behandlung HIV-infizierter Kinder sind in den vergangenen Jahren weitere Fortschritte erzielt worden. Dazu leisteten forschende Pharmaunternehmen einen wesentlichen Beitrag. Sie haben zahlreiche Medikamente zur Behandlung einer HIV-Infektion auch für Minderjährige erprobt und nach der Zulassung in den Markt gebracht.

Ebenso wie bei Erwachsenen empfiehlt sich bei Kindern eine Kombinationstherapie mit mehreren Medikamenten unterschiedlicher Wirkweise, die der Facharzt bedarfsgerecht zusammenstellt. Eine solche Behandlung verlängert nicht nur das Leben, sie fördert auch die körperliche und geistige Entwicklung, wie großangelegte, langfristige Studien zeigen.

Viele Präparate liegen heute in kindgerechter Darreichungsform vor – als Trinklösungen, Trinksuspensionen oder Kautabletten. Welche Medikamente für Kinder seit 2001 zugelassen wurden, zeigt das vfa-Verzeichnis für Kinder-Zulassungen.

Weitere Forschung zur HIV-Prophylaxe und -therapie

Therapieoptimierung

Forschende Pharma-Unternehmen arbeiten daran, die HIV-Therapie weiter zu verbessern. Dazu gehört, die Therapie noch nebenwirkungsärmer zu machen und für genügend therapeutische Ausweichmöglichkeiten zu sorgen, falls die Viren eines Patienten gegen die bisher angewendete Therapie resistent werden.

Vielversprechend sind derzeit Ansätze mit im Labor hergestellten Antikörper mit langanhaltender Wirkung. Breit neutralisierende Antikörper (broadly Neutralizing Antibodies, bNAbs) etwa schaffen es, viele unterschiedliche HIV-Varianten auszuschalten: Ihnen wird ein großes Potenzial für Prävention und Therapie zugesprochen. Andere Antikörper verhindern das Eindringen des Virus in Immunzellen, indem sie wichtige Eintrittspforten blockieren, also Rezeptoren wie CCR5 oder CD4. Die klinische Erprobung einiger Antikörper ist weit fortgeschritten; eine erste Zulassung ist in der EU beantragt.

Noch müssen HIV-Medikamente in der Regel täglich eingenommen werden. Das soll sich mit langwirksamen intramuskulären Injektionen ändern, die nur alle vier bis acht Wochen fällig sind. Patientenstudien lieferten vielversprechende Ergebnisse, eine Zulassung steht noch aus.

Fortschritte gibt es auch bei therapeutischen Impfstoffen: Sie sollen das Immunsystem bereits infizierter Menschen stimulieren, damit es die Viren selbst in Schach halten kann.

Präexpositionsprophylaxe

Für die Präexpositionsprophylaxe sind weitere Medikamente in Entwicklung. Forschungseinrichtungen prüfen zudem, ob so eine Prophylaxe auch wirksam ist, wenn sie nicht regelmäßig, sondern „on demand“ eingesetzt wird.

Schutzimpfung

Trotz vieler Rückschläge wird weiter an Schutzimpfungen gegen HIV-Infektionen gearbeitet. Untersucht werden unter anderem sogenannte Mosaik-Impfstoffe, die eine Vielzahl unterschiedlicher HIV-Gensequenzen enthalten.

Heilung

Weiter verfolgen Forschungsteams in Unternehmen und Forschungseinrichtungen auch das Ziel, HIV-infizierte Menschen zu heilen. Mehrere Ansätze werden hier erprobt.

Einige Gentherapie-Studien setzen am CCR-5-Rezeptor an. Dabei wird in bestimmten Zellen das Gen für diesen Rezeptor so verändert, dass HIV ausgesperrt bleibt. Erste Versuche mit Menschen laufen.

Beim „Kick-and-kill“-Ansatz werden hingegen spezielle Wirkstoffe, sogenannte LRAs (Latency reversing agents) verwendet, um HI-Viren aus ihren Nischen im Körper herauszutreiben. Anschließend soll eine antiretrovirale Standardtherapie ihnen den Garaus machen. Noch wurde das Konzept nicht mit Patienten getestet.


1 Rezeptoren heißen die "Empfangsantennen" der Zellen, mit denen sie Botenstoffe von anderen Zellen wahrnehmen können.
2 Enzyme sind die "Macher" in jedem Organismus. Sie können bestimmte Moleküle umwandeln, aufschneiden, verbinden oder zerlegen.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 29.11.2018 - 13:24 Uhr
Kategorie: Medikamententester News

 

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