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Vorbeugende Maßnahmen mit ASS (Acetylsalicylsäure) gegen Krebs


Die vor einigen Tagen gemeldeten sensationellen Erfolge zur Krebs-Vorbeugung mit ASS sehen Experten skeptisch.

Die Resultate der Studie sorgten für großes Aufsehen. Ein an den Studien beteiligter britischer Mediziner sagte, dass nur eine geringe Dosis Aspirin ausreiche - regelmäßig eingenommen, das Risiko an Krebs zu erkranken, deutlich zu senken. Je nach Typ des Tumors betrage die Senkung 20 bis 35 %. Vor einer Selbsttherapie zur Prävention wird von vielen Experten aber eindringlich gewarnt. Der Studie werden gravierende Mängel bescheinigt, die im Fachblatt „The Lancet“ nachzulesen sind.

Der Neurologe Peter Rothwell und sein Team von der Oxforder Universität haben in einer Untersuchung acht Studien mit mehr als 25.000 Probanden ausgewertet. Ein Teil der Probanden nahm täglich mindestens 75 Milligramm des Aspirinwirkstoffes Acetylsalicylsäure (ASS) als Schutz vor einem Herzinfarkt ein. Die anderen Teilnehmer bekamen Scheinpräparate oder andere Mittel.

Der Wissenschaftler Peter Rothwell rechnete aus, dass durch ASS die Sterblichkeitsrate von Prostata- oder Lungenkrebs um 20% in 20 Jahren gesenkt werden könnte. Allerdings kann er sich bei dieser Berechnung nur auf eine Nachbeobachtungszeit von vier Jahren stützen. Die Darmkrebsmortalität könnte sich sogar um 35 % verringern, sagte der Wissenschaftler.

Von anderen Wissenschaftlern wird diese Berechnung angezweifelt. Denn während der Studien wurde nicht überprüft, ob die Probanden der jeweiligen ASS-Gruppen ihren Wirkstoff immer regelmäßig eingenommen hatten. Auch ist nicht bewiesen, ob die Probanden der Kontrollgruppe das Präparat tatsächlich gemieden haben.  

Frauen waren zu einem Drittel bei der Studie vertreten. Merkwürdigerweise konnte bei ihnen kein positiver Effekt festgestellt werden, obwohl sie über 75 Milligramm ASS eingenommen hatten. Bei einer früheren großen Untersuchung in Amerika, an der ca. 40.000 Probandinnen teilnahmen, war das gleiche Ergebnis zu verzeichnen. Abgesehen von Lungenkrebs, wurde auch in dieser Studie keine Verringerung der Tumorgefahr bei Einnahme von ASS festgestellt.

Allerdings wird das Ergebnis von dem Epidemiologen Eric Jacobs, Amerikanische Krebsgesellschaft, für durchaus plausibel gehalten. Eine amerikanische Expertenkommission rät aber allen Menschen, die ein normales Krebsrisiko haben, von der präventiven ASS-Einnahme explizit ab. Auch deshalb, weil ASS zu Blutungen im Verdauungstrakt führen kann und die Blutgerinnung beeinträchtigt wird.

Andere Mediziner stimmen diesem Urteil zu. Raymond DuBois (Anderson Krebszentrum der Universität Texas) äußert, dass auf Grundlage dieser Studie keine Entscheidungen für eine Therapie getroffen werden sollten. Außerdem kritisieren Experten, dass acht Studien ursprünglich nur dafür vorgesehen waren, wie sich die ASS-Einnahme auf das Herzrisiko auswirkt. Es wurde nicht untersucht, ob die Probanden unter einer erhöhten Krebsgefahr litten oder wie die familiäre Vorbelastung aussieht. Es bestand in diesem Zusammenhang kein Interesse. DuBois bezweifelt grundsätzlich, dass in nur vier Jahren der Nachbeobachtung langfristige Rückschlüsse  auf Tumorgefahren gezogen werden können.

Skepsis äußert auch der britische Krebsexperte Ed Yong (Mitarbeiter der Organisation Cancer Research UK). Er sagt, dass es sehr wichtig sei, die Vor- und Nachteile von ASS gegenüberzustellen, was auf individueller Basis erfolgen sollte. Warnend wies er darauf hin, dass die Aspirineinnahme Menschen als Entschuldigung dienen könnte, um nicht auf das Rauchen zu verzichten oder keine Diät einzuhalten. Jeder sollte zuerst das Arztgespräch suchen, ehe er regelmäßig Aspirin einnehmen will.

Auch aus einem anderen Grund scheint Misstrauen an der Studie angebracht: In der Vergangenheit bezogen sechs der sieben Autoren des „Lancet“-Artikels Honorare von Pharmaunternehmen, in denen Arzneimittel mit dem Wirkstoff ASS  und Ähnliches hergestellt werden.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 21.12.2010 - 18:40 Uhr
Kategorie: Medikamententester News