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Warnung vor gefälschten Medikamenten


Stuttgart. – Das Sozialministerium im Südwesten hat sich mit weiteren Behörden zusammengeschlossen, um von den Großhändlern Medikamente, die illegal eingeführt wurden, schnellstmöglich zurückzurufen. „Rote-Hand-Briefe“ seien bereits in Apotheken und Arztpraxen verteilt worden, war vom Sozialministerium zu hören. Darin werden Ärzte und Apotheker über die Chargen der betroffenen Medikamente (Krebs- und Rheumamittel), über die ein Rückruf verhängt wurde, informiert.

Wahrscheinlich handelt sich sogar um weit mehr Medikamente als bisher bekannt. Die Behörden haben zurzeit sechs Präparate auf ihrer roten Liste. So wird vom Sprecher des Sozialministeriums berichtet, dass es sich um mehrere Dutzend handeln könnte. Vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) werden über 60 Wirkstoffe nicht dementiert.

Milliardengeschäft mit illegalem Handel

Nach Deutschland gelangen gefälschte Medikamente über die sogenannten Reimporte. Die Händler umgehen dabei das Vertriebsnetz des Arzneimittelherstellers. Die zugelassenen Medikamente werden im Ausland zum günstigeren Marktpreis eingekauft und in Deutschland teurer wieder verkauft. Das ist ein Milliardengeschäft: So kosten beispielsweise 500 g Mabthera, ein Krebsmedikament, cirka 2000 Euro. Durch eine Gesetzes-Regelung der deutschen Arzneimittelversorgung wird die Einfuhr der Medikamente aus dem Ausland noch angekurbelt. So wird von der sogenannten Reimport-Quote vorgeschrieben, dass von den niedergelassenen Apothekern 5% des Umsatzes durch Reimporte erwirtschaftet werden sollen. Kritiker sagen, dass davon einerseits die Krankenkassen profitieren, aber andererseits vor allem die Reimporteure.

Kritik kommt von Stefan Möbius (Landesapothekenkammer Baden-Württemberg): „Die Vorschrift stelle ein Riesenproblem dar, sie verursache für Apotheker erheblichen bürokratischen Aufwand. Diese Regelung könnte unseres Erachtens komplett gestrichen werden. Denn für Patienten hat sie ja auch Nachteile. Erhält er Medikamente aus Italien oder Griechenland, sind die Begleitzettel notdürftig in deutscher Sprache überklebt. Das Vertrauen geht verloren und dazu kommt, wie in der Vergangenheit geschehen, dass so auf den Markt gefälschte Arzneimittel kommen."

Vom zuständigen Paul-Ehrlich-Institut (PEI) sind schon Ende April 2014 21 Chargen von Herceptin, ein Krebsmedikament der Firma Roche, zurückgerufen worden. Weitere Fälle sind seitdem von offenbar unrechtmäßig vertriebenen Medikamenten bekannt geworden. So wurde von dem Institut kurz darauf noch der Wirkstoff Remicade, der bei Morbus Crohn, Rheuma und Schuppenflechte eingesetzt wird, auf den Index gesetzt.

Nach Deutschland gelangen die Präparate über unübersichtliche Wege

Wege Fest steht inzwischen, dass insgesamt 6 Arzneistoffe vom PEI, darunter vom Krebsmedikament Avastin 32 Chargen und vom Wirkstoff Mab Thera 42 Chargen aus dem Großhandel, aus Krankenhäusern und Apotheken zurückgerufen werden. Behörden und Pharmafirmen können derzeit noch nicht einschätzen, wie groß die Menge der Arzneien insgesamt ist. Ersetzt wurde in einem Fall der Wirkstoff durch Antibiotika.

Der Sprecher des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (GKV), Florian Lanz, verteidigt die Reimportquote der Apotheken: „Medikamente, die aus dem Ausland kommen, seien nicht die Ursache für Fälschungen. So sei ein Großteil der Arzneien, die in Deutschland verkauft würden, im Ausland produziert worden. Für Betrug könne man keinen Vertriebskanal verantwortlich machen. Man solle bedenken, dass die in der EU gehandelten Produkte auch den gültigen Standards entsprechen."

Nach Deutschland gelangen die Präparate über ein Vertriebsnetz, welches über mehrere Stationen läuft und schwer zu durchschauen ist. So gehen die Behörden davon aus, dass seit längerem aus Krankenhäusern in Italien Medikamente gestohlen werden. Diese werden im europäischen Ausland an italienische Händler verkauft, beispielsweise nach Ungarn, Zypern und Slowenien. „Dann haben die Medikamente über Parallelimporteure unter anderem ihren Weg auch nach Deutschland erreicht", recherchierte ein Sprecher vom Baden-Württemberger Sozialministerium.

EU reagiert mit einem neuen Packungssystem

Die EMA, European Medicines Agency, ist für europäische Marktzulassung der meisten der zurückgerufenen Präparate zuständig. Zwei Zulassungsbehörden sind in Deutschland vertreten: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Auch sie sind beide in das Verfahren einbezogen. Jedoch schleusen illegale Händler ihre Medikamente an den Behörden vorbei. Die EU sieht sich in der Pflicht, zu reagieren, um den geschützten Vertrieb nicht zu gefährden.

So soll bis 2017 ein sicheres Packungssystem europaweit eingeführt werden. Die Initiative wird „SecurPharm" genannt. Damit wollen Arzneimittelhersteller, Apotheker und Pharmagroßhändler auf den Packungen individuelle Nummern und neue Sicherheitsverschlüsse einführen, damit der genaue Vertriebsweg nachvollzogen werden kann.


Von: Stefan Lübker
Veröffentlicht am: 16.06.2014 - 19:11 Uhr
Kategorie: Medikamententester News