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Was ist eine DNA-Diät?


Zukünftig könnte uns eine personengebundene ausgesuchte Ernährung ein längeres und gesünderes Leben bescheren. Wäre das mit Hilfe unserer Gene möglich?

Die Berliner Studentin Jennifer Bergmann* hat schon mehrmals versucht, ihr Gewicht zu reduzieren, denn sie wiegt 103 Kilogramm und ist 183 cm groß. Da sie ernsthaft ihr Leben verändern möchte, hat sie sich entschlossen, als Freiwillige an dem europäischen Forschungsprojekt Food4Me teilzunehmen. An einem Morgen im Februar beginnt ihr Tag im Badezimmer damit, dass sie mit einem Stäbchen die Innenseiten ihrer Wange abreibt, dieses in ein Röhrchen steckt und dann in ein Briefkuvert legt. Mit einer winzigen Nadel sticht sie sich in den Finger und hinterlässt Bluttropfen auf zwei weißen Kärtchen. Danach trägt sie die ermittelten Maße von Hüfte, Bauch und Beine sowie Körpergröße und Gewicht in eine Tabelle ein. Ein weißer Sensor, den sie an ihrem Büstenhalter befestigt hat, soll all ihre Bewegungen dokumentieren.

Mit diesem Morgen begibt sich Jennifer Bergmann auf den Weg, zur Erforschung der zukünftigen Ernährung beizutragen. Sie ist eine von ca. 1.200 freiwilligen Probanden in Europa, die bereit sind, sich befragen und vermessen zu lassen. Das Ziel des europäischen Forschungsprojektes Food4Me ist, herauszufinden, inwieweit man Menschen motivieren kann, ein gesünderes Leben zu führen, indem berücksichtigt wird, wie es um ihre genetischen Veranlagungen und dem persönlichen Stoffwechsel steht. Den Wissenschaftlern geht es nicht nur um eine maßgeschneiderte neue Diät für Übergewichtige, sondern soll auch Personen mit Normalgewicht zeigen, wie sie durch Auswählen von bestimmten Lebensmitteln ihre Gesundheit erhalten und vielleicht ein hohes Alter erreichen können. Mit solchen Angeboten verdienen einige Firmen und Kliniken bereits Geld. Doch schmal ist der Grat zwischen Geschäftemacherei und wissenschaftlich anerkannter Diät.

Es ist unbestritten, dass sich manche Krankheit und viel Leid durch eine gesundheitsbewusstere Lebensweise vermeiden ließen. Gute Ratschläge sind aber bisher nicht auf jeden Menschen anwendbar. So kann einer fettes Fleisch sein Leben lang essen und wird dennoch steinalt und ein anderer erleidet einen frühen Herztod, obwohl er schlank ist und viel Gemüse gegessen hat. Warum ist es so, dass der eine ohne Mühe immer schlank ist und bei dem anderen keine Diät Abhilfe bringt?

Vermutlich könnte unser Erbgut die Fragen beantworten, sagen die Forscher. Denn über Krankheit oder Gesundheit wird erst durch die Kombination aus Lebensweise und Veranlagung entschieden. Biowissenschaftler haben in den letzten zehn Jahren viel geforscht mit einer Fülle an Ergebnissen. Sie wollten das schwierige Puzzle aus Nahrung, Stoffwechselprodukten und Genen zusammensetzen, das vermutlich für unser Wohlbefinden verantwortlich ist. Das Forschungsprojekt Food4Me ist ein erster Versuch. Die Vision: Wenn du mir dein Genprofil verrätst, kann ich dir sagen, welches Essen dir gut tut. Die Forscher nennen es Nutrigenomik, aus nutrition (= Nahrung) und Genomik gebildet. Vorangetrieben wird der Trend aus kommerziellem Interesse: Uns soll zukünftig mit einer maßgeschneiderten Ernährung ein gesünderes, langes Leben beschieden werden und den Konzernen der Lebensmittelproduktion viel Profit. Es gäbe doch kaum jemanden, der nicht bereit wäre, für eine individuelle Diät etwas mehr Geld auszugeben.

An dem Projekt, von der EU finanziert, beteiligen sich 25 Partner einschließlich der Industrie. Beispielsweise werden von Philips die Sensoren produziert, die zum Vermessen der Probanden gedacht sind und diese zu mehr Bewegung motivieren sollen. Freiwillige Probanden wurden aus sieben Ländern Europas angeworben. Es sollten ursprünglich acht sein, aber das Land Norwegen beteiligte sich dann doch nicht wegen Bedenken der dortigen Ethikkommission. Die Norweger begründen ihre Ablehnung damit, dass die Betreuung der Probanden nicht ausreichend gesichert sei. Somit sei die DNA-Diät nicht völlig unproblematisch.

Jennifer Bergmann sitzt gemütlich in einem Cafe`am Prenzlauer Berg. Vor einer Woche hatte sie ihren ersten Messtag. Die große und mollige Jennifer hat einen Schal um ihre Schultern geworfen, um vorteilhafter zu wirken. Sie meinte, dass sie schon immer dick gewesen sei und als Kind unbeschwert alles gern gegessen hätte. Das änderte sich in der Schule. So wurde sie von ihren Mitschülern im Sportunterricht gehänselt „Werft mal die Dicke über den Bock“, zum Beispiel. Als Teenager zieht sie nur noch lange Jeansröcke und zu große Sweatshirts an. Als sie sich mit 17 Jahren das erste Mal verliebt, hat sie 30 Kilo mühelos abgenommen und ist gertenschlank geworden. Aber sie hat sehr schnell wieder zugenommen, als sie mit ihrem Freund zusammengezogen ist. Nun beginnt sie einen zähen Kampf gegen die Kilos.

Die Biologiestudentin Jennifer Bergmann rechnet nun akribisch den Kaloriengehalt von allem was sie isst, aus. Alles wiegt sie ab: Jede Brotscheibe, jeden Schnipsel Paprika. Außerdem tauscht sie sich mit anderen Betroffenen in Diätforen aus. Aber alles ist vergeblich. Hat sie fünf Kilo glücklich verloren, kommen prompt zehn Kilo wieder dazu. Sie schämt sich für ihr Versagen und für ihr Gewicht. Sie traut sich nicht, auf der Straße oder der U-Bahn etwas zu essen, weil sie weiß, was die Menschen um sie herum von ihr denken würden.

Von den Forschern wurde Jennifer angesprochen, kontaktiert über ein Diätforum, ob sie sich an der Studie Food4me beteiligen möchte, ZEIT Wissen würde sie dabei begleiten. Ohne zu zögern willigte sie ein, hoffte sie doch, hier wissenschaftlich fundierten und seriösen Rat zu erhalten. Ihre Blut- und DNA-Proben waren einige Zeit später an die TU München unterwegs.

Die DNA-Diät erhebt den Anspruch von wissenschaftlicher Evidenz, das heißt, sie hebt sich von den Diätvorschlägen der allgemeinen Illustrierten ab. Zurzeit werden ihre Möglichkeiten intensiv erforscht. Einerseits könnten die zahlreichen Widersprüche das Essen betreffend aufgeklärt werden, andererseits eine nüchterne Erkenntnis bringen: Die biochemischen und genetischen Vorgänge im Körper sind zu komplex, um Ernährungsempfehlungen anzubieten, die weitreichender als Gemüse- und Obst-Weisheiten sind.

An zwei verschiedenen Orten wird an Food4me besonders geforscht: An der Technischen Universität in München und in Lausanne am Forschungszentrum des Nahrungsmittelherstellers Nestlé. Spannung zwischen hochfliegenden Träumen und zurückhaltender Neugier liegt in der Luft.

Vor zehn Jahren wurde in Weihenstephan (Bayern) das Zentralinstitut für Ernährungs- und Lebensmittelforschung als Zweigstelle der TU München gegründet. Hier forschen viele Arbeitsgruppen in modern ausgestatteten Labors, wie im menschlichen Organismus die Nahrungsbestandteile wirken, es sind komplizierte, molekulare Pfade. Die deutschen Probanden, die sich an Food4me beteiligen, werden hier von einem kleinen Team betreut. So werden von Silvia Kolossa (Ernährungswissenschaftlerin) die Essgewohnheiten von Jennifer Bergmann in eine Analysesoftware eingegeben. Zahlenreihen entstehen aus Brötchen, Gurken- und Salamischeiben und geben Auskunft über deren Kalorien, Kohlenhydrate, Fette, Eiweiße, Mineralstoffe und Vitamine.

Die Wissenschaftler fahnden im Zellmaterial der Probanden bei fünf Genen nach Variationen. Das FTO-Gen ist eines von ihnen. FTO: fat mass and obesity related, es ist mit Übergewicht und Körperfett verbunden. Nach einer britischen Studie von 2007 erhielt das Gen diesen Namen. Bei dieser Studie zeigte sich, dass dicke Menschen öfter als andere über eine spezielle Mutation in diesem Gen verfügen. Seitdem forscht man intensiv an dem FTO-Gen. Man hat inzwischen herausgefunden, dass es sich hierbei um die Bauanleitung eines Enzyms handelt, welches durch einen kürzlich entdeckten besonderen Mechanismus weitere Gene aktiviert.

Außerdem wurde von den Forschern herausgefunden, dass das FTO besonders im Hypothalamus tätig ist, jener Hirnregion, die das Hunger- und Sättigungsgefühl steuert. Das Gehirn ermittelt hier fortlaufend, wie viel Energie unser Körper benötigt und gibt das als Gefühl für Hunger oder Sättigung weiter. Das System ist fein austariert, kann von äußeren Reizen beeinflusst werden und verfügt über viele Stellschrauben. Dabei hat sich gezeigt, dass Menschen, die über eine ungünstige FTO-Variante verfügen, allgemein einen größeren Hunger und durchschnittlich einen leicht verstärkten Hang zu fettem Essen haben. Der Grund dafür könnte das Hormon Ghrelin sein. Eine englische Studie zeigte vor einiger Zeit, dass das sogenannte Hungerhormon im Blut bei diesen Menschen eine erhöhte Konzentration aufweist.

Hungrig zu sein war nicht immer nachteilig, eher im Gegenteil: Ein Überlebensvorteil könnte in früheren Zeiten die Lust auf den letzten leckeren Happen gewesen sein. Ein Fluch kann es heute sein, im Erbgut die appetitanregende Variante zu haben. Durchschnittlich wiegen Betroffene 1,6 bis 3 Kilo mehr als Normalbürger. Dabei kommt es darauf an, ob von den Eltern die eine oder zwei betreffende Genkopien vererbt wurden. Allerdings ist FTO nicht nur das eine „Fettleibigkeits-Gen“. Selten liegt die Ursache bei nur einem einzigen Gen oder einer Stoffwechselstörung, auch bei Menschen, die von Kindesbeinen an stark fettleibig sind. Hannelore Daniel, Leiterin des deutschen Teiles von Food4me, sagt: „Das eine Knaller-Gen gibt es nicht“.

Das dürfte für viele übergewichtige Menschen keine gute Nachricht sein. Das weiß Hannelore Daniel auch, kämpft sie doch selbst gegen ihre Pfunde an. Sie wäre gern zehn bis fünfzehn Kilo leichter. Sie erforscht bereits seit 25 Jahren ein bestimmtes Protein, welches sich in der Darmwand befindet. Dieses befördert in den Blutkreislauf Bruchstücke aus verdautem Eiweiß. Daniel möchte diesen Mechanismus vollständig aufklären. Der Ernährungslehre hat Daniel eine wissenschaftliche Basis gegeben, bisher nur von wenigen Wissenschaftlern praktiziert, hat aber auch gleichzeitig deren Schwächen genannt.

Daniel sagt: „Die zur Zeit in der Analyse befindlichen fünf Gene haben auf individuelle Risiken nur wenig Einfluss. Es gibt im menschlichen Genom Millionen von Variationen und für unsere Zwecke wären vermutlich 500 davon von Interesse. Da wir aber davon noch zu wenig verstehen, ist ein wissenschaftlicher Rat in dieser Richtung noch nicht möglich. Viele Menschen wollten einfach die äußerst komplizierte Wirkung der Nahrung im Detail nicht wahrhaben und was dies für einen Aufwand bedeutet. Für einen Teilchenbeschleuniger erhalten Physiker Milliarden, wie sie das zustande bringen, staune ich immer wieder.“

Hannelore Daniel verfügt immerhin über ein Massenspektrometer, auch eine Art von Teilchenbeschleuniger. Sie kann damit getrocknete Blutproben analysieren. Der Techniker Alexander Haag meint dazu, dass das vorher ein Riesenbrimborium gewesen sei: „Erst musste von einem Arzt Blut abgenommen werden. Heute sind wir in der Lage, Hunderte verschiedener Substanzen in winzigen Mengen nachzuweisen.“ Daraus werden von den Forschern nicht nur Cholesterin- und Blutwerte bestimmt. Hannelore Daniel kann an komplizierten Grafiken erklären, dass die Blutwerte noch mehr über den Stoffwechsel aussagen und man erhält so eine Ahnung davon, weshalb auf unseren Körper Nahrung wie Medizin wirken kann.

So hängt zum Beispiel der Zustand unserer Zellwände davon ab, was für Fettarten wir zu uns nehmen. Durch die Zellwände werden wiederum Signalstoffe in das Blut abgegeben. Diese entfalten eine entzündungshemmende oder –fördernde Wirkung, je nachdem, ob wir lieber Fleisch oder Fisch zu uns nehmen. Auswirken kann sich das wiederum auf die Entstehung von Schlaganfällen oder Herzinfarkten. Langkettige Omega-3-Fettsäuren aus Fischen gelten als besonders förderlich. Wir nehmen diese Fettsäuren nicht nur mit der Nahrung auf, sondern sie können auch im menschlichen Körper teilweise aus kürzerkettigen Omega-3-Fettsäuren, wie sie etwa in Rapsöl und Soja vorkommen, selbst hergestellt werden. Das Gen FADS2 befördert diese segensreiche Chemie. Ob es mehr oder minder aktiv ist, richtet sich nach der genetischen Variante. Die ungünstige Variante FADS2 verschlüsselt ein Enzym, das weniger längerkettige Omega-3-Fettsäuren produziert. Also wäre es für den Betroffenen dieser Variante besonders angebracht, viel fetthaltigen Seefisch zu verzehren. Von den Food4me-Wissenschaftlern wird auch FADS2 analysiert. Der Omega-3-Fettsäure- Gehalt im Blut wird zusätzlich gemessen. Vielleicht sagen wir bald zu unserem Nachwuchs: „Deine Fischstäbchen iss bitte auf, weil du eine FADS2-Mutation hast.“

Jennifer Bergmann erhält nach etwa 14 Tagen, nachdem sie ihre Proben eingeschickt hatte, eine Nachricht aus München. Darin wird ihr mitgeteilt, dass in ihrem Erbgut die ungünstige Variante des FADS2-Gens festgestellt wurde. Ihr wird geraten, mehr Hering, Lachs und Makrele zu essen. Sie trägt die dickmachende Variante vom FTO-Gen in sich und außerdem die nachteilige Version eines weiteren Gens, welches für Diabetes anfälliger machen könnte. Da sie unter Übergewicht leidet und einseitige Essgewohnheiten pflegt, wird ihr geraten, statt Salami-Brötchen mehr Milch- und Vollkornprodukte zu essen sowie den Salzkonsum einzuschränken.

Die Studienteilnehmer erhalten durchaus unterschiedliche Ratschläge. Je nachdem sollte der eine mehr Paprika und Möhren essen, weil in seinem Blut ein Mangel an Carotinoiden festgestellt worden ist. Bei einem anderen macht eine genetische Variante für Folsäure-Mangel anfälliger und er sollte mehr Spinat und Broccoli auf dem Speiseplan haben. Dabei werden die einzelnen Gene allerdings auffällig vage erklärt. Das Gen ApoE4 wird beispielsweise auch deshalb getestet, weil es die Gefahr erhöht, an Arteriosklerose zu erkranken und damit Schlaganfälle und Herzinfarkte zu erleiden. Food4Me nennt jedoch weder Risiken noch konkrete Krankheiten, aber die Probanden mit einer ungünstigen Variante erfahren, dass sie ihre „kardiovaskuläre Gesundheit“ positiv beeinflussen und von gesunden Omega-3-Fettsäuren profitieren könnten. Verschwiegen wird allerdings, dass die ApoE4-Variante das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, vergrößert. Die Ethikkommission Norwegens verweigerte wegen dieses Mangels ihre Teilnahme an der Studie. Zumal die Probanden diese Information auch selbst entdecken könnten und dann damit allein gelassen werden.

Die umfangreiche wissenschaftliche Auswertung beeindruckt und motiviert aber Jennifer Bergmann. Weil sie ökologische Bedenken bei Fisch hat, kauft sie ihn sehr ungern. Sie hat sich gerade im Hauptfach auf Fischereiwissenschaften spezialisiert. Aber ansonsten ändert sie total ihre Ernährungsgewohnheiten. Vom Discounter kauft sie keine Weißmehl-Brötchen mehr, sondern nur noch Backwaren aus einer Bäckerei, die nach althergebrachten Rezepten backt. Ihr Frühstück besteht aus Müsli ohne Zucker und über den Tag isst sie viel Obst, mageren Joghurt, abends diverse Salate mit Ei oder Käse.

Sie trägt den kleinen Sensor ständig am Körper, er motiviert sie zu mehr Bewegung. Sechs kleine Lampen zeigen an, wie weit sie täglich gelaufen, geschwommen oder geradelt ist. Per Computer werden die Daten nach München übermittelt und dort ausgewertet mit dem Ziel, das Anfangspensum stetig zu überbieten. Immer öfter verlässt jetzt Jennifer Bergmann die U-Bahn ein bis zwei Stationen eher und läuft den Rest des Weges nach Hause. Sie spürt, dass ihr Kopf frei wird. Ohne Zweifel: Jennifer hat ein gesünderes Leben begonnen. Aber waren hierfür Blut- und Genanalysen tatsächlich nötig?

Zu Vergleichszwecken werden die Probanden in drei verschiedene Gruppen aufgeteilt: Von einer Gruppe werden Blut- oder Genproben abgenommen, eine andere Gruppe wird über ihr bisheriges Ernährungsverhalten beraten, die letzte Gruppe bekommt nur allgemeine Ratschläge.

Vorsichtshalber dämpft Hannelore Daniel die Erwartungen: Es lässt sich wohl nicht nachweisen, dass Tipps zur Ernährung auf DNA-Basis den anderen empfohlenen Ratschlägen überlegen seien. Sie sagt: „Um umfassende Informationen über die Wechselwirkung von Ernährung und Genen zu erhalten und zu verstehen, sind Studien von riesigem Ausmaß (Hunderttausende von Probanden) nötig. Die könnte man idealerweise mit Häftlingen oder Klosterschwestern durchführen um eine verlässliche Kontrolle über ihre Essgewohnheiten zu bekommen. Auch dann muss noch nachgewiesen werden, dass durch Änderung des Lebensstils negativen Genen entgegengewirkt werden könnte. Auch ist überhaupt fraglich, ob die Menschen bereit wären für Veränderungen ihrer Lebensweise.“ Daniel glaubt, dass die Welt in fünfzig Jahren anders aussehen werde, schon jetzt würden sich die Lebensmittelkonzerne darauf vorbereiten.

Veränderungen der Essgewohnheiten des Menschen wollen Konzerne natürlich selbst gestalten. Für Forschung und Entwicklung hat Nestlé im letzten Jahr viel Geld ausgegeben, über 1,5 Milliarden Schweizer Franken. Da vermeintlich gesunde Lebensmittel gut verkauft werden, ist das Geld gut angelegt. Zurzeit produzieren die Industrienationen viel mehr Nahrungsmittel, als verbraucht werden können. Lange Zeit galt es, mit immer ausgeklügelteren Produkten die Menschen zur Völlerei zu verleiten. Die Industrie hat sich seit den achtziger Jahren auf fettarme und zuckerreduzierte Produkte umgestellt und umwirbt mit ihnen ihre Konsumenten.

Functional Food ist der neueste Trend: Die Nahrung wird mit bestimmten Stoffen angereichert und verspricht den Kunden einen zusätzlichen Gesundheitsnutzen. Ein wissenschaftlicher Beweis dafür ist jedoch unzureichend und viele Studien sind qualitätsmäßig anzuzweifeln. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat die Werbeversprechen für viele Artikel spektakulär durchfallen lassen. Inzwischen ist größtenteils die Werbung für probiotische Joghurts (sie sollen angeblich Verdauung und Immunsystem stärken) verboten worden.

Nun ist die Industrie auf der Suche nach etwas Neuem. Aus diesem Grunde errichtete der Nahrungsmittelhersteller Nestlé in Lausanne (Schweiz) ein neues Forschungsinstitut. Der Konzern investierte darin im letzten Jahr 500Millionen Franken. Die beiden neu errichteten Gebäude stehen auf dem Campus der Eidgenössischen Technischen Hochschule am Genfer See mit grüner Wiese und leuchtenden Alpengipfeln. An die typischen Produkte von Nestlé, wie Maggi-Suppe oder Choco Crossies erinnert hier nichts.

Am Eingang des Nestlé Institute of Health Science fallen Obstkörbe auf, Poster zeigen verschlungene Stoffwechselwege. Molekularbiologen arbeiten in Labors, die über Massenspektrometer und modernste Fluoreszenzmikroskope verfügen. Mit ihrer Hilfe können die Biologen die Vogänge in einer lebenden Zelle bis ins kleinste Detail verfolgen. DNA-Sequenzer sind die Prunkstücke: Es handelt sich um vier Anlagen der zweiten Generation. Sie sind in der Lage, innerhalb von achtundvierzig Stunden das gesamte Genom eines Menschen zu sequenzieren. Ein weiterer Sequenzer der dritten Generation kann, da er mit neuer Analysetechnik ausgestattet ist, kaum erkennbare Erbgutbereiche entziffern. Er ist ca. 1 Million Schweizer Franken wert. Der wissenschaftliche Leiter Ed Baetge hat schon ein neues Gerät der vierten Generation beim Hersteller bestellt.

Eigentlich hofft er auf die fünfte Generation, sie würde die Vorteile von allen bisherigen Technologien vereinigen und die Sequenzierung des menschlichen Genoms könnte eine Routinediagnostik werden. Im Keller verwaltet ein Computer die Messdaten-Flut mit 1.100 Prozessorkernen. Er wird vom Wasser auf dem Genfer See gut gekühlt. Gefühlsmäßig wähnt man sich in einer Universität und nicht in einem Lebensmittelkonzern-Labor.

Der Amerikaner Baetge ist durch seine Stammzellforschung berühmt geworden. Er entwickelte mit deren Hilfe erste Ansätze, um die an Diabetes Typ 1 erkrankten Patienten zu heilen. Er zierte die Titelseite des Magazin Forbes. Baetge hat die Technik in das neue Institut mitgebracht. Mittels Stammzellen kann er menschliche Zellen erzeugen wie solche in der Bauchspeicheldrüse, welche Insulin erzeugen. Mäuse müssen als Versuchstiere herhalten: unter ihre Haut werden kleine weiße Behälter angebracht, sie bekommen unterschiedliche Nahrung und in die Behälter diffundieren die im Körper zirkulierenden Boten- und Nährstoffe hinein. Danach werden die Zellen aus den entnommenen Behältern von den Forschern untersucht. So wird ohne Studien am Menschen erforscht, welche Gene bei einer bestimmten Nahrungszufuhr in menschlichen Zellen aktiviert werden. Es gestattet Rückschlüsse auf die Insulinproduktion und somit auf ein mögliches Risiko, an Diabetes zu erkranken.

Baetge hat noch eine andere Technologie erworben: Zellen, speziell verkapselt. Diese möchte er weiter entwickeln zu Biosensoren, diese mit elektronischen Sensoren koppeln, um die Nährstoffversorgung beim Menschen messbar zu machen. Baetge sagt, dass nach den gleichen Richtlinien wie in der Pharmaindustrie geforscht werde, einschließlich klinischer Studien. Es werden aber nur natürliche Stoffe untersucht, so wie sie in der Natur vorhanden sind und die man für Lebensmittel verwenden könnte.

Allerdings sieht natürliche Ernährung so nicht aus: Was werden wir in der schönen neuen Zukunft auf dem Teller haben? Der Amerikaner Baetge meint, dass es Pillen, Pulver oder Shakes sein könnten. Man nimmt sie zum normalen Essen ein und diese könnten beispielsweise einem bestimmten Krankheitsrisiko, etwa bei Diabetes, entgegenwirken. Also Functional Food, neu und verbessert? Die Nestlé-Pressesprecherin aber sagt, dass es nicht darum gehe, vielmehr wolle man ein Medical Food erschaffen, wofür vom Arzt ein Rezept benötigt wird.

Unser Essen könnte zukünftig folgendermaßen aussehen: Beruhend auf einer Analyse des Stoffwechsels, der Lebensgewohnheiten und des Erbgutes bieten Unternehmen oder Mediziner eine Diagnostik an. Mit ihr könnte eine Wahrscheinlichkeit für diverse Erkrankungen ermittelt werden. Firmen wie Nestlé wirken dieser Entwicklung mit speziellen Lebensmitteln entgegen. So würde zum Frühstück vielleicht ein Shake gereicht, der Diabetes vorbeugen soll (er wäre sonst womöglich in 20 Jahren ausgebrochen). Alles wird der Gendiagnostik angepasst und lässt sich mit natürlicher Nahrung kombinieren. Die Frage ist: Können angereicherte Shakes überhaupt einen zusätzlichen Nutzen bieten, weit über gesunde, natürliche Nahrung hinaus? Wer weiß, wie viele Menschen sich bereits ideal ernähren? Die Hoffnung ist, dass mancher Normalesser mithilfe dieser Essensart vor Krankheiten bewahrt würde.

Den Optimismus von dieser Vision teilt jedoch nicht jeder. Marion Nestle, die amerikanische Ernährungswissenschaftlerin (ihr Name deckt sich zufällig mit dem des Konzerns), sagt: „Bei personenspezifischer Ernährung steht Marketing im Vordergrund und nicht die Gesundheit“. Die Geschäftspraktiken der Lebensmittelkonzerne prangert sie seit vielen Jahren an. Sie stellt weiter fest, dass kaum jemand in entwickelten Ländern unter Nährstoffmangel leide. Hinweise darauf gebe es wenig, die Gesundheit von diesen Menschen in der Art zu verbessern, angereicherte Lebensmittel zu verabreichen.

Schon heute kann man einen Vorgeschmack auf das neue Zeitalter der Ernährung bekommen. Firmen und Kliniken profitieren bereits trotz Expertenwarnungen durch spezielle Warenangebote. Beispielsweise verspricht DNAplus, Freilassing b. München, beim Abnehmen einen 2,5 fach höheren Erfolg aufgrund einer Analyse von 8 „Gewichtsgenen“. Die Firma CoGAP in Köln verbreitet ihre DNA-Analysen über zahlreiche Apotheken, Fitnessstudios und Ärzte deutschlandweit. Nach dem Test werden die Kunden in vier Typen eingeteilt, die Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate angeblich unterschiedlich verarbeiten.

Die Firma Genetic Balance aus München wirbt mit ihren DNA-Analysen damit, dass „der Kunde mit ihrer Hilfe in seine genetische Vergangenheit sehen und zukünftig für eine bessere Gesundheit sorgen könne.“ Die Menschen heutzutage verfügten entweder noch über den Stoffwechsel eines Steinzeitmenschen oder über den moderneren Stoffwechsel von Ackerbauern. Deshalb reagierten sie unterschiedlich auf Fette und Kohlehydrate in der Nahrung, wird argumentiert.

Genetic Balance analysiert fünf Gene im „Lifestyle“-Programm. Voraussagen soll der Test: nimmt man erfolgreicher mit einer fettreduzierten Diät ab oder ist es günstiger, auf Kartoffeln und Nudeln zu verzichten? Das FTO-Gen wurde, wie auch von Food4Me, ebenfalls getestet und zusätzlich weitere vier Gene. Hannelore Daniel bemerkt dazu, dass diese auch in Betracht gezogen worden seien, aber noch nicht ausreichend erforscht. Der Leiter des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke, Hans-Georg Joost, urteilt ähnlich. Fazit: Derzeit sind Geldausgaben für DNA-Diäten wohl verschwendet.

Jennifer Bergmann hat vier Monate nach ihrem Start von Food4M4 immerhin sechs Kilo abgenommen. Weiterhin ernährt sie sich von Salat und Müsli, auf Salami-Brötchen verzichtet sie. Sie kann sich nicht mehr an das Gen-Test-Ergebnis erinnern. Inzwischen fährt sie zur Uni mit dem Fahrrad, abends geht sie schwimmen oder spazieren. Sie fühlt sich rundum wohler und möchte ihr Leben so weiter gestalten.

Aus der Food4Me-Studie könnte dies die überraschendste Erkenntnis sein: Auch wenn im Vordergrund Gene, Kalorien und Stoffwechsel stehen oder um die gesamte Palette der gesättigten Fettsäuren, so ist letztendlich die Frage ausschlaggebend: Wie kann man Menschen zu einer Änderung ihrer Gewohnheiten nachhaltig motivieren? Je wissenschaftlicher, fundierter und individueller diese Empfehlungen gegeben werden, desto stärker könnte die Motivation sein. Für den Erfolg dürfte entscheidend sein, ob es gelingt, körperliche Aktivitäten als eine Selbstverständlichkeit in unseren Alltag einzubringen. Dazu Hannelore Daniel: „Man kann sich vermutlich auch total schlecht ernähren, solange die Bewegung nicht vernachlässigt wird.“


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 03.11.2013 - 12:13 Uhr
Kategorie: Medikamententester News