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Wegen den Gesundheitsfond mehr gemeldete chronisch Erkrankte


Der Gesundheitsfonds wurde am 01. Januar 2009 eingeführt. Die Beiträge der Versicherten fließen mit der neuen Organisation in einen großen Topf. Daraus werden die Gelder an die gesetzlichen Krankenkassen verteilt. Nun hat das TV-Magazin „Panorama“ recherchiert, dass die Zahl der durch Chronische Krankheiten betroffenen Patienten mit Einführung des Gesundheitsfonds sprunghaft angestiegen ist. In dem Panorama-Bericht wird davon ausgegangen, dass mit ziemlicher Sicherheit diese Steigerung von gemeldeten chronisch Erkrankten nicht medizinisch begründet sein kann.

Die Ursache dafür liegt wohl eher an den neuen Möglichkeiten der Abrechnung, die der Gesundheitsfonds gewährt. Auch der sogenannte „Morbi-RSA“ (Risikostrukturausgleich) wurde mit dem Gesundheitsfonds eingeführt. Er berücksichtigt die Strukturen von Krankheiten der jeweiligen Krankenkasse. In der Realität bedeutet das, je mehr chronische kranke Mitglieder eine Krankenkasse hat, desto mehr Geld erhalten sie aus dem Gesundheitsfonds. Krankenkassen mit jungen und gesunden Mitgliedern erhalten entsprechend weniger Geld. In einer Liste, die ca. 80 Krankheiten umfasst, wird die Verteilung der Gelder aus dem Gesundheitsfonds geregelt.

Die Folge davon ist, dass es im Interesse der Krankenkasse liegt, eine entsprechende Anzahl von chronisch Erkrankten vorweisen zu können. Die Krankenkasse erhält für jeden Versicherten, der eine auf der Liste stehende Krankheit hat, zusätzliche Mittel aus dem Gesundheitsfonds. Bei Beginn der Reform gab es bereits Versuche, die Ärzte unter Druck zu setzen. Ihre Diagnosen sollten gut überlegt und genau dokumentiert werden. Wird ein Patient als gesund bezeichnet, kann das für die Krankenkasse einen finanziellen Verlust bedeuten. Mehr Geld bekommen auch die Ärzte an einem entsprechend eingestuften Patienten.

Entsprechende Zahlen wurden in der Panorama-Sendung vom 14. Oktober 2010 vorgestellt, entnommen aus dem Bundesversicherungsamt. Insgesamt um 4,6 % sind zwischen den Jahren 2007 und 2008 schwere chronische Erkrankungen angestiegen. Auch in diesem Zeitraum wurden die neuen Verteilungen des Geldes festgelegt. So hat es bei über 20 Krankheitsgruppen einen Anstieg von mehr als 10% gegeben. Darunter zählt das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Dieses wurde zusätzlich bei 14 % Patienten, d.h. bei 43.000 diagnostiziert. 16% Steigerung gab es bei Erkrankungen der Speiseröhre, 17 % bei Diabetes. Die Krankenkassen erhalten für diese und andere Chronische Krankheiten rund 86 Milliarden Euro.

Die Vermutung liegt deshalb nahe, dass es nicht an einem höheren Krankenstand liegt sondern die Kassen mehr Patienten als chronisch Kranke einstufen. Prof. Gerd Glaeske meint zu dem Anstieg der Zahlen: Nur auf die Weise des Codierens sind die Steigerungen zurückzuführen und nicht deshalb, dass die Krankheitsfälle in Wirklichkeit angestiegen sind. Das grundsätzliche Übel liegt darin, dass zum Krank-Codieren ein Anreiz gegeben ist. Für die Versicherten sind die Auswirkungen nicht gut. Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, kritisiert die Ärzte, welche nach Gutdünken die Erkrankungen ihrer Patienten einordnen.

Außerdem lädt solch ein System zum Betrug ein. Für die Patienten können gravierende Auswirkungen entstehen. Wenn beispielsweise aus abrechnungstechnischen Gründen eine seelische Krise oder ein vorübergehender Zustand der Erschöpfung als Schizophrenie eingestuft wird, können Patienten große Nachteile haben. Auch bei Versicherungsabschlüssen könnten große Schwierigkeiten entstehen. Lauterbach weist darauf hin, dass die Akten durch das gesamte System laufen. Dagegen sieht das Bundesgesundheitsministerium keine direkten Zusammenhänge zwischen dem Morbi-RSA und dem Anstieg der chronischen Krankheiten. Die Mediziner würden einfach genauer und besser codieren.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 19.10.2010 - 21:05 Uhr
Kategorie: Medikamententester News