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Wie sicher ist Tauchen? - Unfälle mit der Taucherkrankheit


Etwa vierzig Menschen erleben jährlich eine massive Taucherkrankheit. Für die Mediziner sind solche Unfälle rätselhaft, zumal sich die Opfer an die Regeln gehalten haben. Aber Fakt ist, dass sich die Risiken beim Tauchen vielleicht verringern, aber nicht ganz ausschließen lassen. Ein Forschungsbericht. 10. August 2010 in Murnau. Vier Sporttaucher nehmen als Probanden an einer Studie teil. Am Staffelsee liegt eine Metallkammer, drei mal fünf Meter groß, in der die vier Probanden sitzen.

Eine Kommandostimme dringt zu ihnen durch: der letzte Check: Keine Feuerzeuge und Armbanduhren dabei? Keiner erkältet? Die vier Probanden Manuela, Jörn, Michael und Matthew verneinen laut. Sie haben neben Decken, Nasentropfen, Kaugummis auch Bücher neben sich. Leere Urinflaschen haben sie für den Notfall dabei. Der technische Leiter Andreas Kanstinger wünscht aus dem Druckkammerzentrum „Gute Fahrt“ und es geht los. Von außen wird die schwere Tür von einer Krankenschwester für die nächsten Stunden verriegelt. Kanstinger lässt aus dem nur ein paar Meter entferntem Kontrollraum Luft in die Metallkammer strömen.

Nachdem die Druckanzeige langsam gestiegen ist und bei 4 bar der Zeiger stehen geblieben ist, wird auch das Rauschen leiser bis es ganz verstummt ist. Kastinger erklärt, dass dieser Überdruck etwa den Druckverhältnissen in 40 m Wassertiefe gleichkommt. In dieser Situation bleiben die 4 Probanden etwa eine Stunde. Diese Studie wird von Holger Schöppenthau und Bernd Winkler von der Murnauer Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik geleitet. Die Wissenschaftler und Mediziner wollen ein neues Tauchprofil testen. Dafür werden die Probanden hohem Luftdruck in der Metallkammer ausgesetzt, die bestimmte Wassertiefen simulieren sollen.

Danach werden die gängigen Regeln außer Kraft gesetzt. Tauchschülern wurde bisher gelehrt, zuerst zu einer bestimmten tiefsten Stelle zu tauchen, um danach ganz langsam, mit Pausen versehen, zur Oberfläche des Wassers wieder aufzutauchen. Physiologischen Problemen soll dadurch vorgebeugt werden. Untersagt ist ein sogenanntes Jo-Jo Profil, das heißt ein Auf- und erneutes Abtauchen. Wenn sich ein Taucher längere Zeit im tiefen Wasser aufgehalten hat, wird durch den erhöhten Wasserdruck im Körper sehr viel mehr Stickstoff aus der Atemluft gelöst als an der Wasseroberfläche. Durch zu schnelles Auftauchen kann der überschüssige Stickstoff nicht rechtzeitig entweichen.

In der Folge perlt das Gas im Blut wie die Kohlensäure in einem Getränk. Derartige Blasen im Venensystem löst beinahe jeder Tauchgang aus, von Tiefe und Dauer abhängig. Meistens werden sie ohne Probleme über die Lunge wieder abgegeben. Sie können aber auch in den arteriellen Blutkreislauf gelangen. Dann wird es gefährlich, wenn die Gasblasen sich zum Beispiel im Gehirn festsetzen, dort den Blutfluss drosseln und zu Schwellungen führen. Das nennen die Mediziner die Dekompressions- oder Taucherkrankheit. Wenn der betroffene Taucher nach ca. 30 Minuten nach seinem Auftauchen ein Kribbeln verspürt, die Gelenke zu schmerzen beginnen und seine Haut sich rötet, wird von einem leichten Fall gesprochen. Treten aber Sehstörungen oder gar Lähmungen auf, droht Lebensgefahr.

Eine ausgeprägte Taucherkrankheit erleiden in Deutschland nach Angabe der Aqua Med Versicherungsgesellschaft etwa 40 Menschen. Medizinern sind solche Unfälle rätselhaft, denn die Taucher haben sich strikt gemäß den Regeln verhalten. Holger Schöppenthau sieht die Ursache in den Gasblasen. Daher wird in der Murnauer Studie versucht, das Tauchprofil zu verbessern. Das Risiko ist geringer, je weniger Gasblasen im venösen Blut vorhanden sind. Jetzt informiert Andreas Kanstinger über Mikrofon seine Probanden in der Metallkapsel darüber, dass es nun auf 18 m hoch gehe. Nach dem Öffnen der Ventile strömt Luft aus der Kammer.

Wenn dann 9 m erreicht sind, werden die 4 Probanden zunächst fünf Meter in die Tiefe gelassen, ehe es wieder nach oben geht. Ein Jo-Jo Profil wird so provoziert. Solch ein Tauchvorgang hatte bei Versuchen mit Tieren keineswegs jedes Mal eine verstärkte Blasenbildung im Blut ausgelöst. An der Universität in Trondheim führten WissenschaftlerVersuche mit Schweinen durch. Mittels Druckkamer ließen sie die Schweine auf unterschiedliche Weise auf- und wieder abtauchen. Das Ergebnis war verblüffend, denn es stellte sich heraus, dass sich beim Jo-Jo-Profil weniger Gasblasen im Blut bildeten als beim konventionellen Aufstieg.

Nun wollen Schöppenthau und sein Team in ihrer Studie herausfinden, ob das auch für Menschen zutreffen könnte. Im Abstand von ein paar Wochen probieren in der Murnauer Druckkammer insgesamt 30 Taucher zwei Profile aus. Schöppenthau glaubt an physikalische Gesetze, wonach das neue Profil sicherer sein sollte. Stellt man sich vor, dass sich bei dem auftauchenden Taucher eine Blase im Blut bildet, dann wird diese beim Abtauchen durch den steigenden Druck wieder zusammengepresst. Vielleicht diffundiert auch mehr Stickstoff aus der Gasblase, der sich dann im Blut löst. Dadurch schrumpft die Blase und kann im Körper weniger Unheil anrichten. Inzwischen sind die vier Probanden in neun Meter Tiefe angekommen und es geht wieder bis auf 14 Meter in die Tiefe. Kanstinger fragt bei ihnen nach, was die Tauchcomputer angeben.

Von den Geräten erfahren die Beteiligten, in welcher Wassertiefe wie lange der Taucher eine Pause einhalten muss. Das ist notwendig, um nicht die Taucherkrankheit zu bekommen. Manuela gibt laut die Information vom Display bekannt: auftauchen und nochmals auftauchen… Kanstinger lacht darüber. Von den Herstellern der Geräte sind konventionelle Profile programmiert worden und dementsprechend reagiert das Gerät. Die Probanden sinken noch zweimal fünf Meter während des Auftauchens ab. Der Computer kommt offensichtlich durcheinander und schaltet ab. Ein Zusammenschluss von Tauchern, das „ Diver Alert Network“, forscht ebenfalls an Profilen, die möglichst sicher sind.

Vor einigen Jahren fand das Netzwerk heraus, dass ein zusätzlicher Stopp auf der Hälfte der Tauchtiefe das Risiko, an der Taucherkrankheit zu erkranken, auf ein Viertel senken kann. Bisher wird dieser Tiefenstopp allerdings nur von einigen wenigen Tauchcomputern berücksichtigt. Fazit: Tauchen ist niemals ganz sicher Die Druckkammerfahrt mit den vier Probanden Matthew, Manuela, Michael und Jörn dauerte drei Stunden. Nun sind sie wieder bei null Bar Überdruck an der Wasseroberfläche angekommen. Nachdem die schwere Kammertür geöffnet war, fragt Andreas Kanstinger seine Probanden, wer zuerst zum Ultraschall oder zuerst zur Toilette möchte.

Als Erster läßt sich Jörn in der Kardiologie untersuchen. Hier wird sein Herz mit Ultraschall im Dopplerverfahren abgebildet und Thomas Ludwig sieht die Anzahl der gebildeten Gasblasen. Die Messsignale werden vom Gerät auch akustisch umgewandelt. Man hört ein lautes Pochen, als der Ultraschallkopf Jörns rechte Herzkammer findet. Ludwig sagt beruhigend, dass das ein ganz normales Geräusch sei. Kurz darauf hört man ein lautes Schmatzen, das von einer typischen Blase ausgelöst wurde. Es zeigen sich insgesamt im Blut aber nur wenige Gasblasen. Ludwig weist jedoch darauf hin, dass sich die maximale Anzahl erst Stunden später nach dem Tauchgang zeigt.

Nun werden die Probanden in der Klinik von Murnau drei Stunden lang im Intervall von 30 Minuten untersucht. Der Kardiologe Ludwig stellt bei Michael auf dem Monitor relativ viele Gasbläschen fest. Nach einer Stunde hat die Anzahl wieder abgenommen. Guten Gewissens können alle vier Probanden nach Hause entlassen werden. Nun steht noch die Auswertung der Daten an. Erst in ein paar Wochen wird sich der Ausgang der Versuche zeigen. Bis dahin und wahrscheinlich auch danach heißt es weiterhin, dass es kein sicheres Tauchen gibt, sondern nur ein wenig gefährlicheres Tauchen. Dies brachte beim jüngsten Tauchsymposium in Bonn Claus-Martin-Muth (Universitätsklinikum Ulm), Tauchmediziner nochmals in Erinnerung.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 20.08.2010 - 00:00 Uhr
Kategorie: Medikamententester News