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Wie wirken Träume auf uns?


Weshalb träumen wir und wie reagieren wir darauf?  Um das herauszufinden, befragten Michael Norton und Carey Morewedge aus Pittsburgh (Carnegie-Mellon-Universität) Studenten aus den USA, Südkorea und Indien zu ihren persönlichen Theorien über Träume.

Im alten Griechenland wurden Träume als Götterbotschaften gedeutet. Auch in anderen Religionen und Kulturen war man der Auffassung, dass Träume aus Einflüsterungen von Dämonen, Geistern oder dem Satan entstammen. Viele  Menschen messen auch heute noch ihren Träumen große Bedeutsamkeit zu. Nachdem die beiden Wissenschaftler Carey Morewedge und Michael Norton die Studenten aus den drei Ländern USA, Südkorea und Indien zu ihren persönlichen Traumtheorien befragt hatten, kam Folgendes heraus: In den drei verschiedenen Kulturen war man mehrheitlich der Ansicht, dass in Träumen verborgene Wahrheiten über die eigene Person und die Welt enthalten sind. Das gleiche Ergebnis lieferte eine repräsentative Meinungsumfrage in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Ihre Träume deuten viele mit einer Art von magischem Denken und prophetischen Qualitäten. 182 Probanden wurden von Morewedge und Norton gebeten, sich in Gedanken eine Flugreise zu buchen und dabei vier Szenarien unterschiedlicher Art vorzustellen, die sich nachts vor der Flugreise zugetragen hätten: 1. Fall: Die nationale Terror - Sicherheitswarnstufe  erhöht sich auf gelb. 2. Fall: Sie können nicht einschlafen und malen sich verschiedene Absturzbilder  während des Fluges aus. 3. Fall: In ihrem Traum findet ein Flugzeugabsturz statt. 4. Fall: Genau auf jener Route, die sie gebucht haben, findet ein realer Crash statt.

Als Ergebnis hinterließ bei den Probanden das Traumszenario die nachhaltigste Wirkung. Der Traum vom Flugzeugabsturz veranlasste sie eher, ihren imaginären Flug abzusagen, als über ein realistisches Nachdenken über die „Traumkatastrophe“. Dem Traum wurde von den Probanden sogar mehr Einfluss als bei einer amtlichen Sicherheitswarnung auf sich selbst zugesprochen. Das Traumerlebnis über einen Absturz löste ähnliche Furcht aus wie ein realer Absturz vom Vortag.

Die tiefenpsychologische Traumdeutung von Sigmund Freud wurde von ihm nicht als Prophezeiungen magischer Art  oder übersinnliche Botschaften bewertet. Abergläubisch war er eher weniger. Seiner Meinung nach haben Träume die Bestimmung, Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen, die am Tage offen geblieben waren. Bei Freud handelt es sich meist um Wünsche sexueller Art. Diese sind für die Betroffenen oft kompromittierend und werden deshalb  ins Unterbewusstsein verdrängt. Bevor sie im Traum erscheinen, muss erst ein innerer Zensor sie selbst während des Schlafens entstellen und verzerren. Um die Träume zu enträtseln, müsste der Patient die Hilfe eines Analytikers in Anspruch nehmen, der die unkenntlich gemachten Traumbotschaften deuten könnte. Die Verdrängungstheorie von Freud ist allerdings sehr umstritten. Der Schlafforscher Allan Hobson – der schärfste Kritiker – misst Träumen keinerlei Bedeutung zu. Hobson nennt es „kognitiver Trash“: Träume seien nur Zufallsprodukte nächtlichen Ausmistens des Gehirns.

Der Traumforscher und Psychiatrieprofessor Ernest Hartmann an der Tufts-Universität in Newton (Massachusetts) hält auch Freuds Theorie für überholt. Er hat in letzter Zeit eine eigene Traumtheorie erstellt, in der er keine fremden Erscheinungen sieht. Sie seien schon eher irdischen Ursprungs. Seiner Meinung nach gibt es keinen grundlegenden Unterschied beim Bewusstseinszustand im Traum vom dem in der Art, wie Dinge am Tag erlebt werden. Er teilt zwar auch die Auffassung, dass oft im Traum Erlebnisse und Eindrücke zu ihrem Recht kommen, die tagsüber wenig beachtet wurden. Vielleicht empfand man sie als ablenkend oder störend, wurden daher unterdrückt oder gar verdrängt. Hartmann hat über Jahrzehnte über Tausende Traumberichte gesammelt und ausgewertet und stellt fest, dass es sich dabei selten, etwa aus der Kindheit her, um „tief vergrabene“ Auseinandersetzungen handelt.

Träume sind auch nicht in einer Art Geheimsprache aufgesetzt. Das „Verdrängte“ ist eher alltäglicher Natur, es liegt im Traum meist offen und ist nicht verschlüsselt. Laut Hartmann hat auch das in Träumen vorkommende Bizarre und Skurrile, erscheinende  groteske Figuren,  keine weitere Bedeutung. Von Traumforschern sind mehr als 100 000 Traumberichte statistisch kategorisiert und ausgezählt worden mit dem ernüchterndem Ergebnis: Der größte Anteil der Träume ist beinahe gewöhnlich und langweilig. Erstaunlich gering ist ihr „Bizarrheitsgrad“.

Thomas Köhler und Jörg Peretzki,  beides Psychologen der Universität in Hamburg, haben vor kurzem einen Versuch gestartet, der die Freudsche Verdrängungshypothese bestätigen sollte. Für diese Untersuchung schrieben 30 Probanden (Studenten) ihre Träume über eine Woche lang direkt nach dem Aufwachen nieder. Charakteristische Elemente und Figuren aus den Träumen wurden von den Psychologen jeweils mit einem treffenden Stichwort gekennzeichnet. Den Probanden wurden diese Stichworte wenige Tage später vorgelesen und man ließ ihnen zwei Minuten lang freien Gedankenlauf. Während dieser Zeit wurde von den Forschern über Fingersonden gemessen,  inwieweit diese Gedanken den betreffenden Probanden in Erregung versetzten.

Es stellte sich heraus, dass die Probanden jene Traumsituationen vergleichsweise als nebensächlich betrachteten, an die sie noch eine gute Erinnerung hatten. Hingegen jene Elemente, die vergessen (verdrängt) worden waren, versetzten die Probanden mit zunehmender Dauer des Gedankenlaufes immer heftiger in physiologische Erregung. Von den beiden Psychologen wurde dies als Beweis für „Widerstand“ gedeutet: Der Proband versucht, die verdrängte Traumsituation abzuwehren. Im Vergleich zum Wachzustand erscheinen uns Träume etwas wirr. Logische Abfolgen der Gedanken (nach A folgt B und dann erst C) fehlen,  dagegen bestehen die Träume aus wildem Durcheinander von gefühlsbetonten Szenen und Vorstellungen.

Jedoch gibt Hartmann zu bedenken, dass unsere Gedanken auch im Wachzustand manchmal abgleiten, beispielsweise beim Tagträumen. Dann befindet sich das Gehirn sozusagen im Stand-by-Modus. Wie beim Träumen sind ähnliche Bereiche aktiv, was vor allem die Innenseiten der beiden Großhirnhälften, die „ventromedialen“ Areale, betrifft. Seitlich und vorn an der Stirn befinden sich die „dorsolateralen“ Areale, sie sind aktiv, wenn wir konzentriert denken, aber sie werden beim Träumen heruntergefahren.

Die Meinung, Träume entziehen sich unserer Steuerung und Kontrolle, ist zu korrigieren: Manche Menschen verfügen über die Gabe – die man auch trainieren kann – „luzid“ zu träumen. Während des Traumes werden sie sich bewusst, dass alles nur Traum ist. In dieser Erkenntnis träumen sie weiter und es ist für sie möglich, den Ablauf des Traumes zu steuern.

Beispielsweise fliehen sie im Traum nicht vor einem Unhold, sondern treten auf ihn zu und fragen: „Wer bist du, was willst du?“.  Das Resultat ist angeblich oft überraschend. Hartmanns Fazit: „Ein Traum ist kein Fremdkörper“. Träume stehen am Ende eines Bewusstseinsablaufes, der vom zielgerichteten Wachdenken über konfuses Tagträumen und Sinnieren bis zum realen Träumen reicht. Diese Zustände unterscheiden sich in der Schärfe der Gedankenassoziationen. Ist der Wachzustand hochkonzentriert, assoziiert das Gehirn eng und strikt themenbezogen. Im Traum aber sind Gedankensprünge breit oder sogar bizarr.

Nach der Theorie von Hartmann unterscheiden wir Menschen uns in der Bandbreite der nacheinander auftretenden Eindrücke und Vorstellungen. So denken einige eng und nüchtern, andere haben durchlässigere Bewusstseinsgrenzen. Sie haben am Tag skurrile Gedanken im Kopf, die andere nicht einmal träumen. Eine Probandin beschrieb ihren Tagtraum so „Ich sehe Konturen von Dingen und dann wieder etwas, was wie ein Auge ausschaut. Auf einmal blinzelt das Auge, Dinge kreiseln herum und lösen sich im Nebel auf.“

Gibt es einen Sinn des Träumens? Weshalb so skurrile Gedankensprünge? Ernest Hartmann erklärt es so: Gedanken und Eindrücke vom Tag, die wir verdrängt haben oder einfach vergessen, werden im Traum wieder lebendig. Vor allem sind es Dinge, die uns unterschwellig bewegt und beschäftigt haben. Dieses Gedankenmaterial begutachten wir im Traum und können es dann idealerweise mit unserem biografischen Gedächtnis verknüpfen. Auf diese Art können wir es in unser Selbst integrieren.


Von: Stefan Lübker / Probanden-Online.de
Veröffentlicht am: 16.08.2011 - 21:41 Uhr
Kategorie: Medikamententester News